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Sicherheit als Entlastung

23. Januar 2026 By Manfred Messmer

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Kaum geschieht irgendwo ein Unglück, folgt zuverlässig dieselbe Frage: „Kann das auch bei uns passieren?“

Selbst dann, wenn es bei uns so etwas noch nie gegeben hat.

Die Frage gilt denn weniger dem Risiko als dem Staat: Hat er schon reagiert? Hat er schon geregelt? Hat er uns schon entlastet?

Keine Frage: Sicherheitsvorschriften müssen eingehalten und kontrolliert werden. Ebenso unbestritten ist, dass Vorschriften angepasst werden müssen, wenn neue oder bislang nicht berücksichtigte Risiken sichtbar werden.

Mein Punkt ist jedoch ein anderer: Es geht um die Verantwortung des Einzelnen, die zunehmend auf den Staat abgeschoben wird – nicht primär, um die Sicherheit zu erhöhen, sondern um sich selbst aus der Verantwortung zu entlassen.

Die aktuelle Kolumne «Hier schreibt der BaZ-Chef» ist dafür ein beredtes Beispiel. Der Kommentar verkauft staatliche Durchsetzungslust als Fürsorge – und entlastet damit alle Beteiligten von Verantwortung.

Der Text arbeitet mit einer klassischen Vorher–Nachher-Moral:
Früher: Regelverstösse als folkloristische Bagatelle, Teil des fasnächtlichen Geschehens.
Nach Crans-Montana: kollektives Erwachen, Ende der Unschuld.

Crans-Montana wird dabei nicht als singuläres Versagen gelesen – Ort, Bau, Kontrolle, Verantwortung –, sondern zum Normalzustand umcodiert: „Es kann immer und überall passieren.“

Doch Crans-Montana war nicht Schicksal.

Es war ein Versagen – örtlich, strukturell, konkret. Wer daraus einen allgemeinen Ausnahmezustand ableitet, ersetzt Analyse durch Angst.

Aus einem konkreten Unfall wird ein permanenter Ausnahmezustand.

Wenn „der BaZ-Chef“ schreibt, was der Kanton nun tue, sei „zwingend“, „vernünftig“, „er schätze die Lage richtig ein“, dann ist das keine Argumentation, sondern ein lobhudeliger Kurzschluss.

Der Staat wird zum Sachwalter der Vernunft erklärt.

Der entlarvendste Satz ist dieser: „Den Beamten dürfte entgegenkommen, dass die meisten Vereine insgeheim froh sind, wenn in ihrem Gewölbe weniger Gedränge herrscht.“

Hier zeigt sich die eigentliche Funktion des Staates: Er übernimmt die Rolle des unbequemen Entscheiders, damit niemand selbst entscheiden muss.

Die Vereine verlieren Einnahmen – aber auch Verantwortung. „Die Beamten“ (die es in Basel-Stadt seit Jahrzehnten nicht mehr gibt) kontrollieren, haften jedoch nicht für das, was kulturell verloren geht: die spezifische Cliquenkeller-Atmosphäre – Dichte, Nähe, Durchlässigkeit.

Die Öffentlichkeit erhält im Gegenzug administrative Beruhigung.

Kommen wir zum Punkt: Die Frage ist nicht, ob mehr staatliche Kontrolle Sicherheit schafft. Die Frage ist, welchen Preis wir dafür zahlen: den Verlust von Selbstverantwortung, Risikoakzeptanz und kultureller Eigenheit.

Die Basler Fasnacht mag dadurch sicherer werden. Sie wird bestimmt berechenbarer.

Und damit ärmer.

PS: Es liegt kein belegter Fall eines tatsächlichen Brandes in einem Basler Cliquenkeller vor, der mit nennenswerten Schäden oder Opfern verbunden wäre.

Kategorie: Basel-Politik, Einsichten Stichworte: Basler Fasnacht, baz, Rohr

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Baresi meint

    23. Januar 2026 um 10:22

    Die Medien sind kein unwesentlicher Treiber dieser Entwicklung. In dem sie Fragen stellen, auf die die Behörden gemäss ihrer Funktion antworten müssen. «Kann das bei uns auch passieren?» verkauft sich gut und verlagert mit der Frage die Arbeit des Journalisten zu den Behörden, die Antworten müssen. «In Cliquenkellern ist seit über hundert Jahren kein nennenswerter Brand vorgekommen» interessiert niemanden, muss recherchiert werden und nimmt den Journalisten in Verantwortung, wenn an der nächsten Fasnacht doch etwas passiert.

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Kommentare

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