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Unternehmensversagen.

19. Mai 2026 By Manfred Messmer

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Die Frage ist gestellt: Weshalb ist die Wahlbeteiligung der jungen Generation derart tief? Die naheliegende Antwort lautet: Desinteresse, Politikverdrossenheit, Komplexitätsscheu.

Das ist bequeme Antwort. Und die falsche.

Die richtige Antwort ist unbequemer — und richtet sich nicht an die Jungen, sondern an eine Industrie, die sich als vierte Gewalt versteht und tatsächlich nur noch eine Alterskohorte erreicht, die der Ü60-Jährigen.

Die unter Vierzigjährigen abonnieren kaum noch Zeitungen. Sie lösen nicht einmal Online-Abos. Nachdem 20Minuten aus Marktgründen Print eingestellt hat, werden Zeitungen auf Papier praktisch ausschliesslich an ein Publikum geliefert, das das Jahr 2050 statistisch nicht mehr erleben wird.

Und genau für dieses Publikum werden sie geschrieben — so wie vor dreissig, vierzig Jahren. Die einzigen sichtbaren Neuerungen: überdimensionierte Bilder und der Bullet-Point-Einstieg anstelle des klassischen Leads.

Letzteres übrigens eine Erfindung von PR-Agenturen, die ihre Medienmitteilungen auf Aufmerksamkeit trimmen mussten. Die Redaktionen haben es übernommen, ohne zu merken, dass sie damit das Handwerk ihrer Stichwortgeber kopierten.

Lokal: Die bz, die BaZ — beide online lesbar, beide für dieselbe Zielgruppe gemacht. Das Regionaljournal läuft, wenn man gerade im Auto sitzt. Punkt6 bei Telebasel zeigt einen Moderator, der Meldungen vorliest, als wäre man bei Basilisk in den Achtzigern stehen geblieben.

Und Onlinereports — vor fünfzehn, zwanzig Jahren tatsächlich innovativ — betreibt heute Zeitungsjournalismus von gestern auf einem Onlineportal. Marshall McLuhan hatte das schon 1964 erklärt: Das Medium ist die Botschaft. Diese Lektion wird noch immer nicht verstanden.

Was alle gemeinsam haben: Sie produzieren Nachrichtenmaterial für die aktive Stimmkohorte der Ü60-Jährigen und für Insider. Wer nicht in jungen Jahren mediensozialisiert wurde — sprich: wer nicht gelernt hat, Sätze und Bilder auf Papier als Informationsträger zu lesen —, versteht weder den Inhalt noch das Format.

Es gibt wenig Exotischeres für unter Dreissigjährige als eine Abonnementszeitung.

Nun könnte man einwenden: Aber die Jungen sind doch gar nicht medienabstinent.

Stimmt.

Doch dazu müssen wir leider ins Ausland ausweichen, zu Hugo Travers zum Beispiel. Der Franzose erreicht auf YouTube mit politischen Erklärvideos Millionen junger Menschen — präzise, schnell, ohne Moderatorenton aus den Achtzigern. Er ist kein Journalist im klassischen Sinn. Er ist das, was Journalisten werden müssten, will der Berufsstand nicht untergehen.

In der Schweiz gibt es kein Äquivalent.

Was es gibt, ist easyvote — Erklärclips des Dachverbands der Schweizer Jugendparlamente, politisch neutral, institutionell korrekt, demokratiepädagogisch verdienstvoll. Doch kein Travers.

Und die Parteien? SVP und SP sind auf TikTok präsent — und betreiben dort Stimmungsmache gegen den politischen Gegner.

Polarisierung als Geschäftsmodell, nicht Aufklärung.

SRF sagt dazu: Wir müssen mit Gebührengeldern auf diesen Plattformen präsent sein. Das ist keine Strategie. Das ist die Kapitulationserklärung, verkleidet als Fortschritt.

Es bedeutet: Wir haben es verpasst, ein eigenes junges Publikum aufzubauen, und kaufen uns nun mit öffentlichen Mitteln Reichweite auf einer chinesischen Plattform, deren Algorithmus wir nicht kontrollieren.

Das eigentliche Problem ist ein Geschäftsmodell, das sich selbst überlebt hat. Wer mit Onlineinhalten kaum Geld verdient, investiert nicht in Onlineformate. Wer nicht investiert, bildet kein Personal aus, das diese Formate beherrscht. Wer dieses Personal nicht hat, schreibt weiter für die Ü60-Kohorte — weil die noch zahlt.

Das ist kein Medienversagen im moralischen Sinn.

Es ist Unternehmensversagen im betriebswirtschaftlichen Sinn. Man hat die Transformation nicht vollzogen, weil das bestehende Geschäftsmodell kurzfristig noch Erträge abwarf.

Ich weiss, wovon ich rede: 2009 habe ich diese Diskussion als Mitherausgeber und CEO von bazonline mit der Printelite des Hauses führen müssen. Die Ignoranz der damals Verantwortlichen war kein Zufall und kein Missverständnis — sie war Methode.

Das Ergebnis ist bekannt: der Untergang der selbstständigen Basler Zeitung. Was damals in Basel exemplarisch gescheitert ist, hat die gesamte Branche seither in Zeitlupe nachvollzogen.

Die etablierten Player optimierten für ihre zahlende Kernkundschaft und verloren dabei systematisch die nächste Generation — nicht aus Böswilligkeit, sondern weil der Markt ihnen kurzfristig keinen Ausweg offen liess.

Die Konsequenz ist demokratiepolitisch, nicht nur betriebswirtschaftlich. Eine Newsindustrie, die nur noch eine Alterskohorte erreicht, ist keine vierte Gewalt mehr.

Sie ist ein Cluborgan.

Die tiefe Wahlbeteiligung der Jungen ist also keine Demokratiemüdigkeit. Sie ist die Quittung für eine Branche, die ihre Transformation verschlafen hat — und damit unbeabsichtigt das Stimmgewicht der Alten zementiert.

Abstimmung für Abstimmung.

Kategorie: Medien, schweiz-politik Stichworte: baz, bz, Onlinereports, Telebasel

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Baresi meint

    20. Mai 2026 um 8:12

    Yes, but. Es ist auch mühsam, sich als nächste Generation von den alten Generationen abzugrenzen. Kaum hat man etwas, wird es adaptiert, glattgebügelt und ein Geschäft daraus gemacht. Gerade die Generation der 80er Unruhen ist ziemlich gut darin und damit auch ein Vorbild für die eigenen Kinder.

  2. Hans Rudolf Rohr meint

    19. Mai 2026 um 16:47

    Deine „Jungen“, die du beschreibst, sind 40+

    Meine Jungen sind 18+. Leben nur noch im Heute, die Zukunft ist nicht relevant. Klassische Medien spielen keine Rolle, weil deren Eltern (40+) den Zugang schon verloren haben. Gearbeitet wird maximal 80%, der Job dient nur zur Generierung von Einkommen. Mehr nicht.

    Politik hat keinen Stellenwert. Desinteresse, Politikverdrossenheit, Komplexitätsscheu. Leider in der Generation Z nicht eine bequeme Antwort, sondern die korrekte. Der Fehler der Medienverantwortlichen wurden gemacht, da waren diese Jungen nicht einmal auf der Welt.

    Man muss der Realität ins Auge blicken – wir sind bereits eine Generation weiter, Manfred. Deine „Jungen“ haben es verbockt, meine „Jungen“ treiben planlos in die Zukunft.

    • R'bass meint

      19. Mai 2026 um 18:01

      Absolut richtig. Spätestens mit der Generation Beta haben MMs LLMs den Laden unfriendly übernommen – oder die Konkursverwalter. Also am Ende wieder weitere LLMs. Wahlurnen verstaubt, Parlamente leergefegt, ein paar Thiels am Drücker. Noch. Dann Lichterlöschen. Ob das der Planet bedauert?

  3. unterbaselbieter meint

    19. Mai 2026 um 14:02

    übrigens: (echt jetzt – heute)
    HEUTE kann man sich bei der BaZ am Aeschenplatz das Handy erklären lassen. Wenn man nicht draus kommt. Ein Angebot für die Leserschaft (noch bis um 16 Uhr). Wenn man nicht weiterkommt mit der App und allgemein. Ein Service für die Leserschaft der BaZ – heute vor Ort am Aeschenplatz.
    Das sagt viel. Das sagt Zukunft. Das sagt alles.

  4. Daniel Flury meint

    19. Mai 2026 um 13:44

    «Erklär-Videos».

    Da kommen mir die Bänkelsänger und Marktfahrer im Mittelalter in den Sinn, die den Bauern auf dem Markt mit ihren Schautafeln die Weltläufte erklärten.

    War auch gratis.

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