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Die Schweiz ist kein Sonderfall, sondern Frühindikator

1. April 2026 By Manfred Messmer

IMGDie Erzählung der NZZ heute („…Zauberlehrling von Herrliberg wird seine Geister nicht mehr los“) ist bequem.

Weil, sie ist so, wie all diese SVP-Erzählungen: da gibt es den Weisen in Herrliberg, der eine kleine Partei ohne grosse Zukunft innert weniger Jahre zur Nr. 1 in Land und in vielen (deutschschweizer) Kantonen gemacht hat.

Im nächsten Jahr sollen es gar 30 % werden.

Und so sind sich denn viele in diesem Land gewiss: Die Schweizer Rechte hat mit der europäischen nichts gemein. Blochers SVP zählt zu den Guten, den Bürgerlichen, den Anständigen.

Der Blochersche Gründermythos bewahrt die Rechte in der Schweiz vor der Schmuddelecke. Obwohl sich die SVP gar oft genau dort bewegt.

Meloni, Wilders, AfD, Le Pen, Orbán, Fico – sie alle haben keinen Gründervater.

Doch was sie mit der Schweizer SVP verbindet, ist die Bewirtschaftung derselben Themen: Deindustrialisierung, Migrationsangst, Vertrauensverlust in die Parteien, in supranationale Institutionen. Das Identitätsgebaren der Linken, das breite Bevölkerungsschichten als rückständig markiert.

Die Schweiz ist kein Sonderfall, sondern Frühindikator.

Die SVP erreichte 1999 Werte, die die AfD erst ein Vierteljahrhundert später schafft. Nicht weil Blocher ein politisches Genie war. Es ist die direkte Demokratie, die Konflikte an die Oberfläche zwingt, die anderswo in Parlamenten vergraben bleiben.

Die EWR-Abstimmung 1992 war ein Seismograf für ganz Europa. Denn was Europa erst später als Riss sah, zeigte die Schweiz als Bruch.

In Wien, Berlin und anderswo galt die SVP seither als Referenzmodell – nicht als Kuriosum, sondern als Blaupause. Wer verstehen wollte, wie eine Rechtspartei Mehrheiten gewinnt ohne Militärnostalgie und ohne offenen Nationalismus, schaute auf die Schweiz.

Wenn man Blocher verklärt, folgt daraus eine bequeme Entlastung: Ohne ihn wäre alles anders gelaufen. Die Mitte hätte gehalten, die FDP wäre integer geblieben, das Konkordanzsystem hätte funktioniert.

Die gängige Erklärung zur SVP verschweigt, dass die etablierten Parteien Jahrzehnte lang Zuwanderung, EU-Annäherung bei gleichzeitiger Sonderrolle plus den Ausbau des Sozialstaats wollten – und die Widersprüche nie erklärten.

Blocher hat diese Lücke nicht geschaffen. Er hat sie besetzt.

Der Personalisierungsreflex hat noch eine zweite Funktion. Wer Blocher zur Erklärung macht, muss sich nicht mit politischen Verwerfungen auseinandersetzen.

Das ist intellektuell bequemer.

Denn Blocher als singuläre Ursache zu verkaufen, entlastet doppelt: Man muss weder die Versäumnisse der bürgerlichen Mitte eingestehen, noch die Verwandtschaft mit Meloni, Wilders et al. akzeptieren.

Ein Mann, eine Geschichte, ein Bogen. Die Alternative – nüchtern zu beschreiben, warum liberale Demokratien europaweit dasselbe Muster produzieren – erfordert mehr Ehrlichkeit.

Blocher hat Regez möglich gemacht. Ohne den Gründermythos wäre sie das, was sie ist: eine Zumutung.

Kategorie: schweiz-politik Stichworte: Blocher, NZZ, Sarah Regez, SVP

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. unterbaselbieter meint

    1. April 2026 um 19:14

    Geben Sie dem älteren Herrn Blocher nicht mehr so viel Macht. Man sieht, wie er abbaut jede Woche bei TeleBlocher.ch
    Und dann wieder das „…die SVP bewirtschaftet die Themen“…. Kann ich nicht mehr hören: Sie greift auf, sie hört die Sorgen des Volkes, sie versucht Umzusetzen. Sie tut, weil es das braucht. Weil es sie braucht. Wenns gut wäre, bräuchte es sie nicht mehr. Doch davon sind wir weit entfernt.
    PS: Bei der SP schreibt man nie von „Themen bewirtschaften“. Dort heisst es „sie kümmert sich….. usw“. Es gibt ja auch immer nur „Rechtsextreme“. Bei den Linken heisst es immer „Linksaktivisten“. ICH HABE NOCH NIE IN EINER ZEITUNG VON EINEM „RECHTSAKTIVIST“ GELESEN.
    Alles passt zusammen – immer einseitig linkslastig. Auch hier…..

    • Keller meint

      2. April 2026 um 13:59

      Ganz unrecht haben Sie nicht, Herr Unterbaselbieter. Bei mir ist es oft eine reflexhafte Überheblichkeit gegenüber vielen Mässigqualifizierten in diesem Club – verbunden mit einer Abneigung gegen jene in der Führungsetage, die genau diese für ihre Zwecke instrumentalisieren. Natürlich gibt es auch noch viele andere Gründe. Doch hätten wir „Ihre“ Partei nicht, bliebe uns nur noch das ebenso austauschbare Kollektiv aller anderen. Das ist der Boden, auf dem „Ihre“ SVP eben diesen wettmacht und immer mehr erweitert. Leider oder gottseidank, Sie dürfen wählen.

  2. gotte meint

    1. April 2026 um 13:45

    mit allem einverstanden, aber noch eine kleine ergänzung: die svp hat, total unschweizerisch, als erste partei dafür gesorgt, dass in der CH-politik „amerikanische verhältnisse“ herrschen: mit newt gingrich als vorbild hat sie als erste erkannt, dass es bei proporzwahlen weniger darum geht, andersdenkende von der eigenen meinung zu überzeugen, als darum, das eigene biotop maximal zu mobilisieren. bei proporzwahlen hui (1 svp-kopf wirft seine gesamte stimmkraft seiner einen partei zu), bei majorzwahlen pfui. die svp pflegt den us-import seit den 1990er jahren auch im bereich der themen. und erstaunlicherweise verkauft sie das dann als schweizerkreuz mit hellebarden-qualität.

    • Manfred Messmer meint

      1. April 2026 um 16:59

      Man kann das noch ergönzen: die bewusste Institutionenerosion. Gingrich hat den Kongress als Institution geschwächt, um seine Partei zu stärken.

      Die SVP macht dasselbe mit dem Konkordanzsystem: Sie sitzt darin, untergräbt es rhetorisch und profitiert davon, dass es trotzdem funktioniert.

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