
Der frühere Regierungsrat, Nationalrat und Gewerbedirektor, heute Pensionär, schlägt sich in der BaZ für die Pharma in die Bresche:
Basler Pharmafirmen und unsere Stadt – eine echte Symbiose.
Ohne Zweifel: Basel muss sein Verhältnis zur Pharma neu denken – Christoph Eymann tut es in der Rolle des Sprachrohrs der Mäzene und fordert Applaus.
Manches, was er schreibt, ist zutreffend. Doch dann verliert sich der Text im Nostalgischen und kippt ins Polemische. Am Ende bleibt er weniger Analyse als Huldigung.
Eine Steilvorlage also, um bei diesem trüben Wetter ein wenig Spass am Widerspruch zu haben.
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Keine Frage – die aktuelle Lage zwingt Basel dazu, über deren Verhältnis zur Basler Pharma nachzudenken. Man kann das kritisch tun, realitätsbezogen oder devot. Christoph Eymann hat sich für letzteres entschieden, als Stimme der Mäzene.
Was dabei fehlt (nicht nur bei ihm), ist ein nüchterner Blick auf die Abhängigkeit dieser Region von zwei globalen Machtzentren. Wer sich mit der Verwurzelung dieser Firmen in Basel befasst, erkennt keine Symbiose, sondern eine Übermacht: Roche und Novartis prägen Stadt, Kanton und Politik in einem Ausmass, das weder demokratisch kontrolliert noch langfristig abgesichert ist.
Heute stehen Roche und Novartis im Vordergrund. Früher waren es Ciba, Geigy, Sandoz – Namen, die an Fusionen erinnern, die Arbeitsplätze vernichteten und Basel zum Versuchsfeld einer globalen Konzentrationswelle machten. „Symbiose“ hiess oft: Abhängigkeit.
Mitarbeitende werden gut entlohnt – solange sie gebraucht werden. Wer Entlassungswellen, Standortverlagerungen oder Outsourcing erlebte, sah die Kehrseite. Zwar profitierten zahlreiche KMU von Aufträgen der Pharmaindustrie, doch auch das war Teil eines Systems der Abhängigkeit, die immer mal wieder beklagt wurde – wenn die „Chemische“ am Sparhahn drehte.
Polemischer Einschub, auf dem Niveau der Eymannschen Polemik gegen die Juso: Dem langjährigen Gewerbedirektor verschaffte es die bequeme Rolle eines Mittelsmanns zwischen Konzernen und Zulieferern. Nicht ganz uneigennützig für seinen Verband. Als er jedoch im Nationalrat sass, blieb ihm der Aufstieg in die höheren Weihen – ein Verwaltungsratsmandat oder eine andere prestigeträchtige Aufgabe – verwehrt. Was auch über seinen Stellenwert für die Pharma etwas aussagt.
Der Wohlstand Basels beruht zwar auf hohen Löhnen und lukrativen Aufträgen fürs Gewerbe, doch im Kern auf einer Monostruktur – ein Klumpenrisiko, das die Stadt verwundbar macht. Richtig: Der Steuerertrag ist beträchtlich, wird jedoch immer wieder durch internationale Regeln (OECD), komplexe Konzernkonstruktionen und aggressive Steuerplanungen ausgehöhlt.
Das Damoklesschwert Trump, die Forderung nach höheren Medikamentenpreisen und die massiven Investitionen in den USA sind die eigentliche Bedrohung für den Standort Basel – nicht die von der Juso geforderte Unterschutzstellung eines Bürogebäudes, die ohnehin nie kommen wird.
Die lange Eymann-Liste der Spenden – vom Kunstmuseum über den Zolli bis zum Jazz-Campus – klingt eindrücklich. Doch sie ist nicht Ausdruck von „Bescheidenheit“, sondern von gezieltem Machterhalt. Museen, Theater, Sportvereine und Stiftungen geraten in Abhängigkeit von Konzernen und Aktionärinnen, die bestimmen, was gefördert wird – und was nicht.
Wer den FCB finanziert, kauft nicht nur Image, sondern auch Loyalität.
Polemischer Einschub: Wie Luc Boltanski und Arnaud Esquerre in ihrer wirtschafts- und kultursoziologischen Kritik Bereicherung gezeigt haben, funktioniert der globale Kunstmarkt nur, weil sich privates Sammeln und öffentliche Institutionen gegenseitig stützen. Wer wie die Roche-Besitzer zur internationalen Sammlerelite gehört, braucht Museen nicht allein aus Mäzenatentum, sondern zur Preisbildung – der öffentliche Raum adelt die private Sammlung und steigert ihren Marktwert.
Die von Eymann beschworene „liberale Basler Zurückhaltung“ in den Chefetagen ist ein Mythos aus den 80er-Jahren. Alex Krauer, Schärli, Randegger – Namen einer Epoche, in der Konzerne noch überschaubar wirkten. Die Brandnacht von Schweizerhalle markierte das Ende dieser alten „Chemischen“.
Mit Marc Moret begann die neue Zeit: ein Managementstil, der nicht mehr in Basel verwurzelt war, sondern in den globalen Finanz- und Machtzentren. Seither reden wir nicht mehr vom Werkleiter, der Greenpeace Kaffe aufs besetzte Kamin hochreichen lässt, sondern von globalisierten Apparaten mit Macht über Patente, Preise und Forschung.
Und Politik.
Die Behauptung, Basel sei nie in Unterwürfigkeit verfallen, verschweigt die Realität: In der Stadt wird kaum ein grosses Projekt umgesetzt, ohne dass Roche oder Novartis involviert sind. Wenn beide Konzerne wollten, könnten sie mit einem einzigen Steuerentscheid die Kantonsfinanzen ins Wanken bringen.
Das ist keine Symbiose – das ist strukturelle Erpressbarkeit.
Unverständlich ist nicht, dass linke Kräfte Enteignung oder stärkere Besteuerung fordern oder die Pharma mit Denkmalschutzfantasien drangsalieren. Das liegt in der DNA linker Politik.
Unverständlich ist, dass Basel sich seit Jahrzehnten weigert, über Alternativen zur Pharma-Übermacht nachzudenken. Juso-Forderungen mögen radikal klingen, aber sie entspringen einem realen Befund: Basel ist ökonomisch, sozial und kulturell in einem Ausmass von zwei Konzernen abhängig, das langfristig gefährlich ist.
Die beschworene „Basler Symbiose“ ist in Wahrheit ein Ungleichgewicht.
Roche und Novartis (und deren Aktionäre) sind keine wohlwollenden Mäzene, sondern globale Player, die Basel als Standort so lange attraktiv finden, wie es steuerlich, infrastrukturell und politisch passt. Die Spendenliste ist die kulturelle Fassade einer Macht, die sich von Generation zu Generation verfestigt hat.
Die eigentliche Frage lautet: Wie viel Basel steckt noch in der Basler Pharma – und wie viel Pharma in Basel?
Daniel Flury meint
Lobby-Soldat Eymann war nie im Feld der Marktwirtschaft.
Und als lebenslanger Zudiener hat er eines verinnerlicht: Beiss niemals die Hand, die dich füttert.
Peter Stähli meint
Auf eine solche, träfe Analyse der Basel-Pharma-Beziehung habe ich seit der Trumpschen Zollverhängung gewartet. Dass sie nun von Manfred Messmer in gewohnt eloquenter Weise kommt und nicht von Herrn Eymann, bzw. Basler Zeitung, ist nicht überraschend. Basel und sein bislang ziemlich rat- und sprachloser Regierungsrat tun sich schwer damit, dem kommenden Trump-Verdikt entgegenzutreten.
Abschliessend noch ein grosses Dankeschön für 20 Jahre arlesheimreloaded! Möge Ihre Feder weiterhin spitz bleiben.
P. Keller meint
Brillant! Und das zum Beginn Ihres 21. Jahres als reloader.