
Es lässt sich nicht leugnen: Trumps Originalton, wie ich ihn etwa auf BBC höre, übt selbst auf mich eine eigentümliche Faszination aus.
Das liegt allein an der Sprache.
Englisch macht vieles möglich, was auf Deutsch kaum je funktioniert. Trumps Reden sind inhaltlich simpel, aber rhythmisch eingängig:
We have the best economy. Incredible. Everybody says so. Really, everybody. It’s huge. So huge. Nobody has ever seen anything like it. People love me, they say I’m great. The media? Fake. Totally fake. But we’re winning. We’re gonna win so much, you’ll get tired of winning. Huge. Really huge.
Das Englische verzeiht Wiederholungen, Redundanzen, tautologische Zuspitzungen. Im Deutschen dagegen treten sie gnadenlos zutage; sie klingen plump, unbeholfen, oft unfreiwillig komisch:
Wir haben… die BESTE Wirtschaft. Unglaublich!
Alle sagen es. Wirklich — ALLE.
Riesig. So RIESIG!
Niemand… NIEMAND hat das je gesehen.
Die Leute lieben mich. Sie sagen: ‚Er ist grossartig.‘
Die Medien? Lügen. Total.
Aber — wir GEWINNEN!
Wir werden so viel gewinnen… so VIEL! … dass ihr… MÜDE seid vom Gewinnen!
Riesig. Wirklich… riesig!
Englisch, vor allem das amerikanische, erlaubt kurze, schlagende Sätze, die wie Werbeslogans wirken: Make America Great Again. (Englisch ist deshalb die Muttersprache Schweizer Werber.)
Deutsch dagegen trägt eine Schwere in sich, die selbst im Telegrammstil keine ungezwungene Schlagkraft entfaltet. „Macht Amerika wieder“ gross klingt nicht wie ein Versprechen, sondern wie eine bürokratische Anweisung.
Populisten wie Trump müssen im Deutschen zumindest den Anschein von Substanz erwecken, etwa so:
Unsere Wirtschaft steht besser da als je zuvor. Das ist keine Meinung, das sind Fakten. Schauen Sie sich die Zahlen an: Wachstum, Arbeitsplätze, Sicherheit. Wir lassen uns nicht von denen täuschen, die alles schlechtreden. Wir wissen, was wir erreicht haben – und wir werden diesen Weg weitergehen. Mit Mut, mit Klarheit, mit Entschlossenheit.
Zurückübersetzt ins Englische klingt das so:
Our economy is stronger than ever before. That’s not an opinion – those are facts. Just look at the numbers: growth, jobs, security. We will not be deceived by those who try to talk everything down. We know what we have achieved – and we will continue on this path. With courage, with clarity, with determination.
So redet vielleicht Biden. Aber niemals Trump.
Wenn ich also gestern schrieb, in Europa hätte ein Trump keine Chance, gross zu werden, dann gilt das zumindest für das deutschsprachige Europa.
Ein deutscher Trump müsste gezwungenermassen „seriöser“ sprechen – und damit wäre er nicht mehr Trump.
PS: Ein Populist, der über Jahre die deutsche Politik prägte, war Franz Josef Strauss. Ich erinnere mich gut: Eine seiner Reden im Stuttgarter Landtag habe ich damals live miterlebt – und war beeindruckt.
Strauss war, im Gegensatz zu Trump, ein Intellektueller. Er verstand es, komplexe Sachverhalte so darzustellen, dass jeder im Saal folgen konnte. Wie Trump arbeitete er mit Rhythmus und klar gebauten Sätzen – doch bei ihm war Substanz der Kern, nicht die Staffage.
Ein Beispiel, stilisiert im Ton seiner Reden, zur transatlantischen Allianz, seinem Lieblingsthema:
Meine Damen und Herren, lassen Sie keinen Zweifel: Die NATO ist nicht bloss ein Bündnis – sie ist das Fundament unserer Sicherheit.
Die Vereinigten Staaten leisten uns unverzichtbaren Schutz – doch wir müssen mehr sein als nur ein Satellit.
Wir brauchen Selbstbewusstsein, nicht Abhängigkeit.
Unsere Stärke entsteht durch Bündnisfähigkeit, nicht durch Isolation.
Wir wissen, wer unsere Partner sind – und wir handeln verantwortungsbewusst, gemeinsam.
Denn wahre Sicherheit entsteht nicht aus Worten, sondern aus gelebter Wachsamkeit und partnerschaftlicher Verbundenheit.
Daniel Flury meint
Der Strauss hat bei seinen Reden jedesmal geschwitzt wie ein Ross, weil er diese Sprachenergie in den Raum übertragen musste.
Trump schwitzt nie, weil er ein notorischer Lügner ist und in «Einfacher Sprache» zu einem Volk spricht, das über Jahrzehnte durch kommerzielle Werbeslogans sozialisiert wurde.
Henry Berger meint
Für gebildete US-AmerikanerInnen tönt Trump auf Englisch genau so plump, unbeholfen und primitiv, wie für uns in der deutschen Übersetzung. Wie jede Sprache kennt auch das Englische verschiedene „Sprachebenen“ – Trump bewegt sich eher in den unteren Ebenen…
M.M. meint
Die Gebildeten stellen offensichtlich keine Mehrheit.
Urs Gygli meint
Wissen wir ja schon lange: Amerikaner sind dumm.
M.M. meint
Schweizer sind Bauern.