
Die Timeline auf X lässt sich als Röhre denken: von Tausenden von Quellen gespeist, unablässig geflutet mit Information. Meist Lärm, gelegentlich – wie ein Seismograph – ein Ausschlag, der tatsächlich Erkenntnis liefert.
Die X-Timeline ist damit eine zeitgenössische Quelle Mimirs: kein Orakel, sondern ein Brunnen, aus dem Wissen um den Preis der Zumutung geschöpft wird.
Seit ein paar Tagen jedoch fördert diese Röhre kaum noch Information, sondern Gülle.
Stinkendes Abwasser.
Verursacht durch Dokumente über das abgründige Treiben grosser Teile der internationalen Elite. In die Timeline gespült als fragmentierte Info-Reste, einer widerwärtiger als der nächste.
Das Ausmass ist schlicht unvorstellbar.
Die schiere Menge der Namen, Andeutungen und Verbindungen sprengt jede vertraute Kategorie von Einzelfall, Ausrutscher oder schwarzem Schaf.
Die bisherige Konzentration auf Trump hat den Blick auf das Ausmass verstellt.
Rund um den Globus stellt sich nicht mehr die Frage, wer war auch noch dabei, sondern die umgekehrte, weit brutalere: Wer war eigentlich nicht dabei?
Nicht weil alle schuldig wären, sondern weil das System so dicht, so in sich geschlossen, so durchseucht erscheint, dass Abseitsstehen zur Ausnahme wird.
Was mit den Epstein-Files zerbricht, ist nicht das Ansehen einzelner Personen. Es ist der Mythos der zivilisierten Elite.
Die Erzählung, dass Macht, Bildung, Vernetzung und moralische Überlegenheit irgendwie zusammengehörten. Die Dokumente legen nahe: Das Gegenteil ist ebenso plausibel.
Vielleicht plausibler.
Empörung greift zu kurz. Das Gefühl des Ekels ist angemessener. Nicht als Affekt, sondern als Haltung.
Ekel markiert eine Grenze: das, was nicht relativiert, nicht mehr eingeordnet werden kann. Er sagt: Hier ist nicht nur etwas faul – hier ist der Kern angegriffen.
Und genau das ist das Verstörende: Diese Abgründe sind nicht randständig. Sie liegen nicht ausserhalb der Ordnung, sondern in ihr selbst.
Hier scheinen sich Gepflogenheiten etabliert zu haben, die zur Sozialklassennormalität wurden – akzeptiert, gedeckt, übergangen von Medien, Institutionen und Netzwerken, die darauf pochten, für die moralische Ordnung zuständig zu sein.
Die X-Timeline wirkt in diesen Tagen wie ein offenes Abwasserrohr. Aber der Gestank kommt nicht von der Plattform.
Er kommt aus den obersten Etagen der Macht.
Marc Baumgartner meint
Meine Gedanken gingen über das Wochenende in eine ganz ähnliche Richtung, zusammen mit einem Gefühl des grossen Unbehagens, der Übelkeit und auch einer grossen Ernüchterung. Unseren „moralischen Kompass“, den wir in den vergangenen Jahrzehnten als „Westen“ zelebrierten und gerne anderen Kulturen aufdrängten, müssen wir auf jeden Fall in den Kübel schmeissen.
Unsere Gesellschaft, bzw. „Zivilisation“ benötigt dringend einen Umgang mit Hybris. Eigentlich wäre die Demokratie genau dafür geeignet, aber die „Eliten“ schafften es mit vereinten Kräften, die Kontrolle auszuhebeln.
Wie können wir in diesen Dimensionen aufräumen? Und wie solche unsäglichen Abscheulichkeiten in Zukunft verhindern?
Roggenbass meint
Zu Ihren Fragezeichen, Herr Baumgartner: nein, wir können nichts tun. Ausser selbst zu schauen, dass wir dem Dreck fernbleiben. Solange wir uns einreden – und darin ist sich die Wirtschaft, die Gesellschaft überhaupt, erstaunlich einig –, der private Lebenswandel habe mit Führungsqualität nichts zu tun, ist jede Hoffnung fehl am Platz. Absurderweise haben wir es geschafft, bei Bewerbungen und im Executive Hunting alles zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn zur Tabuzone zu erklären. Nachzulesen auch heute in der BaZ, Interview mit irgendeiner Recruiterin. Bloss nicht hinschauen. Bloss nicht fragen. Was unser künftiger Leader privat anrichtet, ist egal – solange er tagsüber vermeintlich performt. Koksen inklusive.
Bazon T. meint
Wundert Sie das als einstiger Zaungast bei so vielen Unternehmen? Das System ist doch einfach: Sobald die erste Beförderung über die Bühne gegangen ist, hat man einen Claqueur gewonnen. Mit jeder weiteren wird der Zirkel enger. Dann noch das ein oder andere, etwas zwielichtige „Geschenk“, und schon hat man jemanden, der seine Klappe hält – alles erlebt, in einer der grossen Buden, nicht allzu weit entfernt von Ihrem Arlese. Erinnerte mich zudem an oft an Scientology, das Ganze. Dann rechtzeitig die Reissleine gezogen und weg. Die Epstein-Ecke ist allerdings noch eine Steigerung – doch wirklich überraschen kann sie nicht mehr. Der Typ beherrschte das Spiel mit den „Geschenken“ virtuos, und alle krochen ihm auf den Leim. Leadership sollte man vielleicht besser mit triebgesteuert übersetzen.
Daniel Flury meint
Wir erinnern uns an Dominique Strauss-Kahn, der sich in die Sitzungspausen Frauen wie Pizza liefern liess.
Der Mann wäre um ein Haar französischer Präsident geworden.
Nun gut, wir lernen, dass wir nichts gelernt haben und die «Elite» so verkommen ist, wie wir es immer vermutet haben.