
Wenn wir uns darauf einigen könnten, dass der Klimawandel nicht mehr bevorsteht, sondern eingetroffen ist, liesse sich wenigstens der alte Streit über seine Existenz zu den Akten legen.
Es gäbe nichts mehr zu beschwören und nichts mehr zu leugnen.
Und wenn wir anerkennen könnten, dass selbst das Erreichen von Netto-Null die bereits eingetretene Erwärmung und ihre Folgen nicht rückgängig macht, könnte sich die Debatte endlich auch darum drehen, wie wir mit der veränderten Wirklichkeit umgehen.
Dann wäre die Vertiefung der Fahrrinne des Rheins für die Versorgungssicherheit des Landes möglicherweise wichtiger als die Ausscheidung zusätzlicher Flächen für den Biolandbau.
Denn: Wer bei dreissig Grad im Schulzimmer lernen soll, braucht keine CO₂-Bilanz, sondern Kühlung. Wer vor einem Waldbrand flieht, braucht keine Verzichtsethik, sondern Sensoren, Löschflugzeuge und eine entsprechend bewirtschaftete Landschaft.
Wer ausschliesslich für Massnahmen mit dem Wirkungshorizont 2050 kämpft, verliert das Heute und den nächsten Sommer aus den Augen. Solange der Klimawandel vor allem als moralische Frage behandelt wird, bleibt der Blick auf das unmittelbar Notwendige verstellt.
Doch offenbar ist die neue Wirklichkeit noch nicht bedrängend genug, um ein derart abruptes Umdenken auszulösen.
Für jene Generation, die seit vierzig Jahren vor den Gefahren des Klimawandels warnt und in diesem Kampf ihre politische Identität, bisweilen sogar ihren Lebenssinn gefunden hat, brechen schwierige Zeiten an.
Ihre bisherigen Rezepte mögen langfristig notwendig sein. Gegen die Hitzewelle des nächsten Sommers helfen sie nicht.
Ihnen steht eine Sinnkrise ins Haus.
Denn die politische Frage lautet nicht mehr bloss, wie wir den Klimawandel begrenzen. Sie lautet zunehmend, wie wir unter seinen Bedingungen leben.
Das wäre liberales Terrain. Vorausgesetzt, die Liberalen bemerken es.
Die Antworten darauf werden weniger von Moralisten als von Ingenieuren, Forschern und Unternehmern kommen. Sie bestehen in einer sicheren und ausreichenden Energieversorgung (Strom!), neuen Kühltechniken, widerstandsfähigen Infrastrukturen, einer angepassten Landwirtschaft, besseren Versicherungsmodellen und Investitionen in den Schutz vor klimatischen Schäden.
Dieser Sommer könnte sich als grösste Bestätigung der Grünen erweisen – und als Ende ihrer politischen Epoche.
Peter Bellakovics meint
Fair enough – aber fehlt in dieser Argumentation noch das Wichtigste? Wir müssen uns an den Klimawandel anpassen – aber wir dürfen deshalb nicht aufhören, seine Ursachen zu bekämpfen.
Natürlich brauchen wir Kühlung in Schulen, besseren Schutz vor Waldbränden und Hochwasser, robustere Infrastruktur, neue Technologien und genügend Strom. Darüber müssen wir eigentlich gar nicht streiten.
Aber es kann nicht die Lösung sein, immer mehr Aufwand zu betreiben, um die Folgen des Klimawandels in den Griff zu bekommen, während wir gleichzeitig möglichst wenig an dem ändern wollen, was uns überhaupt in diese Situation gebracht hat – unserem Verhalten.
Klimaschutz ist weder rechts noch links. Und die Lösungen werden auch nicht nur von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Unternehmern kommen. Wir alle sind Teil davon.
Technik kann viel. Aber sie wird uns nicht davon befreien, unser eigenes Verhalten zu hinterfragen. Wir können nicht immer mehr Energie und Ressourcen verbrauchen, grössere Autos fahren, häufiger fliegen, mehr konsumieren und mehr wegwerfen – und gleichzeitig darauf hoffen, dass irgendeine neue Technologie das Problem schon lösen wird.
Wir brauchen deshalb beides: Anpassung und Klimaschutz. Innovation und Veränderung. Technik und Eigenverantwortung.
Ja, der Klimawandel ist da. Wir müssen lernen, mit seinen Folgen umzugehen. Aber gerade deshalb sollten wir nicht einfach weitermachen wie bisher und damit die Situation noch weiter verschärfen.
Das scheint mir weder besonders links noch besonders grün zu sein, sondern schlicht vernünftig.
Bin ich jetzt ein Moralist?
Martin meint
Apropos Abteufung des Rheins:
Keine gute Idee! Damit würde der Grundwasserspiegel weiter abgesenkt, den angrenzenden Ländereien noch mehr Wasser entzogen, was zur weiteren Vertrocknung der landwirtschaftlichen Böden und zur Verödung der Grundwasserpumpwerke und unserer Trinkwasserversorgung führen würde.
Die Rheinschiffer werden mit kleinern Schffen fahren; zudem entfällt der Transport von fossilen Energieträgern in den nächsten Jahren, dann wird es sowieso ruhiger auf dem Rhein
angrymonk meint
Sicherheit und Klimaresilienz Schweiz 2036
Mit KI entwickelt und grob gerechnet. Die Beträge sind Grössenordnungen, keine Finanzplanung.
Die Schweiz gibt heute rund 6 Milliarden Franken pro Jahr für die Armee aus. Der politische Ausbaupfad führt bis 2032 auf rund 10 Milliarden Franken jährlich bzw. 1 Prozent des BIP. Hochgerechnet entspricht allein dieser Aufwuchs über zehn Jahre grob 30 Milliarden Franken zusätzlicher Militärausgaben.
Genau dort liegt die eigentliche politische Frage: Soll dieser zusätzliche finanzielle Spielraum fast vollständig in den militärischen Ausbau fliessen, oder lässt sich damit für die Schweiz insgesamt mehr Sicherheit erreichen?
Sicherheit umfasst mehr als klassische Landesverteidigung. Dazu gehören auch Cyberangriffe, Sabotage, Angriffe auf kritische Infrastruktur, Stromausfälle, Hochwasser, Hitze, Trockenheit, Waldbrände oder Erdbeben.
Die Armee würde in diesem Modell wesentlich kleiner, technologisch stärker und klar fokussiert. Sie behielte einen starken professionellen Kern, ergänzt durch eine kleinere Miliz und Reserve. Priorität hätten Cyberabwehr, Nachrichtendienst, Drohnen- und Luftabwehr, Schutz kritischer Infrastruktur und Grenzen, Terrorismusabwehr sowie eine begrenzte territoriale Verteidigungsfähigkeit. Weniger Mittel würden in personal- und kostenintensive konventionelle Strukturen fliessen. Die Schweiz bliebe militärisch neutral und ohne Bündnisverpflichtung.
Ein Teil der frei werdenden finanziellen und personellen Ressourcen würde in einen deutlich stärkeren Katastrophen- und Bevölkerungsschutz überführt. Dieser hätte professionelle Spezialisten, Miliz, schweres Gerät, Helikopter, Drohnen sowie mobile Energie-, Kommunikations- und Wasserversorgung.
Er würde nicht nur im Ernstfall reagieren, sondern auch präventiv eingesetzt: beim Hochwasserschutz, bei der Waldbrandvorsorge, beim Schutz kritischer Infrastruktur oder bei temporären Schutzmassnahmen. Reguläre Leistungen von Unternehmen und öffentlichen Betrieben dürften dabei nicht verdrängt werden. Bei grossen Katastrophen könnten Schweizer Einheiten auch im Ausland helfen.
Parallel dazu würde die bestehende Klimaanpassung von Bund, Kantonen und Gemeinden nicht ersetzt, sondern massiv verstärkt. Denkbar wäre ein zusätzlicher 10-Jahres-Investitionsschub von beispielsweise 20 bis 30 Milliarden Franken Bundesmitteln.
Investiert würde in Hochwasserschutz, Wasserversorgung und Trockenheitsvorsorge, Waldumbau und Waldbrandschutz, Hitzeschutz in Städten, Schulen, Spitälern und Alterszentren sowie robustere Energie-, Kommunikations- und Verkehrsinfrastruktur.
Diese Bundesmittel wären der Hebel, nicht das gesamte Investitionsvolumen. Kantone und Gemeinden würden kofinanzieren. Ebenso könnten Versicherungen, Energieversorger, Immobilienwirtschaft und Private beteiligt werden. So liesse sich ein deutlich grösseres Gesamtinvestitionsvolumen mobilisieren.
Entscheidend wäre, das Geld nicht nach dem Giesskannenprinzip zu verteilen. Die Schweiz verfügt mit MeteoSchweiz, ETH, WSL, NCCS, BAFU, BABS und weiteren Hochschulen bereits über hervorragende Klimamodelle, Risikoanalysen und Daten.
Darauf könnte eine nationale Risiko- und Investitionsplattform aufbauen. KI würde nicht entscheiden, sondern rechnen: Wo drohen in 10, 20 oder 30 Jahren welche Schäden? Welche Massnahmen wirken? Was kosten sie? Welche Schäden verhindern sie? Wo bringt der nächste investierte Franken den grössten zusätzlichen Schutz?
Die politischen Entscheidungen blieben bei Bund, Kantonen und Gemeinden.
Wie viel Geld eine wesentlich kleinere, fokussierte Armee tatsächlich freisetzen könnte, müsste seriös durchgerechnet werden.
Die Logik des Programms bleibt aber klar: Nicht bestehende Ausgaben für Armee oder Klimaanpassung streichen, sondern den geplanten zusätzlichen Sicherheitsaufwuchs neu gewichten. Ein Teil fliesst in militärische Zukunftsfähigkeiten, ein Teil in Katastrophenschutz und ein Teil in zusätzliche Klimaresilienz. Kantone, Gemeinden und Private verstärken diesen Impuls.
Klimaschutz und CO₂-Reduktion bleiben notwendig. Jede vermiedene zusätzliche Erwärmung senkt spätere Schäden und Anpassungskosten. Die bereits eingetretenen Veränderungen verschwinden aber nicht.
Nach zehn Jahren müsste das zusätzliche Geld sichtbar sein: besser geschützte Siedlungen, kühlere Schulen und Städte, robustere Wälder und Wasserversorgung, widerstandsfähigere Infrastruktur, ein leistungsfähiger Katastrophenschutz und eine kleinere, technologisch hochstehende Armee mit professionellem Kern.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht «Armee oder Klima?», sondern: Wie setzen wir den zusätzlichen finanziellen Spielraum der nächsten zehn Jahre so ein, dass er für Bevölkerung, Infrastruktur und Volkswirtschaft den grösstmöglichen Sicherheitsgewinn erzielt?
Manfred Messmer meint
Nächstes Mal bitten Sie die KI, Ihren Kommentar auf drei, vier Sötze zu kondensieren: „Sicherheit umfasst heute mehr als militärische Landesverteidigung: auch Cyberangriffe, Stromausfälle, Hochwasser, Hitze und Waldbrände bedrohen Bevölkerung und Infrastruktur. Statt den geplanten zusätzlichen Milliardenbetrag fast vollständig in die Armee zu investieren, sollte die Schweiz ihn auf eine kleinere, technologisch hochstehende Armee, einen stärkeren Katastrophenschutz und die Klimaresilienz verteilen. Eine nationale, KI-gestützte Risikoanalyse könnte aufzeigen, wo jeder investierte Franken den grössten Sicherheitsgewinn erzielt. Die Frage lautet deshalb nicht «Armee oder Klima?», sondern: Welche Gefahren sind real – und wie schützen wir uns am wirksamsten davor?“
Franz meint
Da hätten wir z.B. „Klybeck plus“ im heissen Klybeck für 8500 Menschen.
Ob da zentrale effiziente Kühlsysteme mit eingeplant werden?
Alles andere würde ich nicht mehr verstehen..