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Die Erosion der Macht: Trump und das Ende der kontrollierten Lüge

2. Januar 2026 By Manfred Messmer

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Der Gedanke entstand beiläufig beim Frühstück – ein möglicher Buchtitel: „The Fade of Mr. Trump“.

Kein Sturz. Kein Knall. Ein Verblassen.

Daraus entwickelte sich eine These: Donald Trump wird dieses Jahr sein Amt verlassen. Nicht trotz, sondern wegen seiner Kernkompetenz: der Lüge.

Das ist keine Vorhersage.

Es ist ein Versuch, den Zusammenhang zwischen Lüge, Macht und politischer Erschöpfung sichtbar zu machen.

Zu Beginn seiner neuen Amtszeit reagierten seine Anhänger – und viele darüber hinaus – mit Achselzucken. Er ist halt so. Man dürfe ihn nicht wörtlich nehmen. Andere sahen gerade darin seine Authentizität: Einer von uns, der sich traut, die Dinge beim Namen zu nennen.

Trumps frühe Lügen dienten als Instrument: Übertreibung, Selbstmythologisierung, Verhandlungstaktik. Doch die Lüge ist zum Selbstläufer geworden – genauer: zu einem System, das sich nur so erhält.

Jede Lüge erzeugt neue Anschlusslügen, unabhängig von Zweck oder Nutzen.

Das ist nur so lange möglich, wie die Lüge als Stil erkennbar bleibt. Als Überzeichnung, als rhetorische Grenzüberschreitung, als kalkulierte Provokation.

Klassische politische Kommunikation kennt Korrektive: Medien, Berater, Realität. Bei Trump sind diese Filter ausgefallen. Wahrheit wird nicht mehr geprüft, sondern systematisch ersetzt.

Was Trump in Gang gesetzt hat, beherrscht er selbst und sein Umfeld nicht mehr. Die Lüge hat sich verselbständigt. Damit ist sie nicht mehr als solche zu identifizieren – weder für die Öffentlichkeit noch, augenscheinlich, für ihren Urheber.

Die Lüge wird zum Loyalitätstest.

Sie dient nicht mehr der Überzeugung, sondern der Unterwerfung. Wer widerspricht, wird aussortiert. Wer folgt, akzeptiert implizit die Entkoppelung von der Wirklichkeit.

Das ist das System.

Bundesrichter haben in einer Vielzahl von Verfahren festgehalten, dass die US-Regierung falsche Angaben gemacht, Unterlagen manipuliert und Verteidigungen auf nachweislich unzutreffende Annahmen gestützt hat. In über dreissig Fällen wurden Gerichte mit Konstruktionen konfrontiert, die mit die mit überprüfbaren Tatsachen nicht mehr in Deckung zu bringen waren.

Damit wird die Lüge institutionell. Sie ist kein taktisches Mittel mehr, sondern Betriebszustand.

In der Welt von Mar-a-Lago ist der Unterschied zwischen Behauptung und Tatsache nicht mehr erkennbar. Auch für Trump selbst offenbar nicht mehr. Berichtet wurde, er sei „entsetzt“ gewesen, als Wladimir Putin sich bei ihm über einen ukrainischen Drohnenangriff auf eine seiner Residenzen beklagte. Ein Moment, der mehr ist als eine Anekdote: Trump war offenbar nicht mehr in der Lage, zwischen propagandistischer Erzählung und geopolitischer Realität zu unterscheiden.

Trump kontrolliert die Lüge nicht mehr – die Lüge kontrolliert Trump.

Hier beginnt der eigentliche Machtverlust. Trumps zentrale Ressource war nie das Amt, nie das Gesetz, nie die Institution. Es war die Macht über das Wort. Über Deutung, Setzung, Dominanz im Diskurs.

Doch wenn alles gesagt werden kann, ohne dass Gesagtes noch verbindliche Bedeutung erzeugt, zerfällt diese Macht.

Diese Erosion ist im Gang.

Das System ist nicht mehr „gefährlich effizient“, sondern instabil. Es braucht permanent Eskalation, weil jede neue Realität das alte Narrativ bedroht. Daraus folgt eine Zwangsläufigkeit zur Radikalisierung.

Mit Blick auf die Midterms im November müssen sich Akteure im Hintergrund zwangsläufig fragen, welche Option rational ist: a) das sinkende Schiff zu verlassen oder b) den Kapitän auszuwechseln.

Denn Trump ist nicht die Idee, er ist lediglich ihr Verkünder.

Wer also glaubt, mit Trump verschwinde auch das „Projekt 2025″, verkennt dessen institutionelle und kulturelle Tiefe. Und das enorme Kapital, das dahinter steht.

Gerade deshalb richtet sich der Blick auf die Zeit nach Trump.

Sollten die Demokraten im Herbst das Repräsentantenhaus übernehmen, ist die Einleitung eines Impeachmentverfahrens nicht auszuschliessen. Doch ein solches Verfahren würde bis zu den Präsidentschaftswahlen 2028 kaum zu einem belastbaren Ergebnis führen – und die Institutionen weiter beschädigen. Das liegt in niemandes Interesse.

Es braucht einen anderen Ausweg.

In einem Interview mit „60 Minutes“ sagte Nancy Pelosi, sie glaube, mit Trump stimme etwas nicht, und deutete auf ihre Stirn. Diese Geste ist mehr als persönliche Polemik. Sie verweist auf ein bekanntes historisches Muster: die Pathologisierung als Exit-Strategie.

Ein Rücktritt wegen „Cognitive Decline“ wäre die zeitgemässe Variante des antiken Caligula-Befunds. Kein medizinisches Urteil, sondern ein politischer Mechanismus.

Nicht das System hätte versagt – ein Kranker hätte es missbraucht.

Kategorie: usa-politik Stichworte: Trump

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

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