
Ich beschäftige mich seit Jahren mit römischer Geschichte. Nicht aus Nostalgie, sondern weil Rom ein Labor war: für Macht, Expansion, Systemstabilität – und Systemversagen.
Der Untergang der Republik, der Übergang zum Kaisertum, die Transformation von Institutionen zu Kulissen: all das ist kein fernes Altertum, sondern die Blaupause für Macht.
Zwei Bücher haben meinen Blick dafür geschärft.
The Fate of Rome, weil es den Niedergang Roms nicht moralisch, sondern systemisch erklärt – über Klima, Pandemien, Ressourcen. Und The Roman Empire and the Indian Ocean, weil es zeigt, dass römischer Reichtum auf globaler Vernetzung beruhte: interkontinentaler Handel, logistischer Vorsprung, frühe Globalisierung.
Rom ist kein Sonderfall. Rom ist ein Prototyp.
Nach dem Ende der Republik wurden Alleinherrscher unvermeidlich. Manche stabilisierten das System, andere legten seine innere Leere frei. Der dritte Kaiser, Caligula, gehört zur zweiten Kategorie. Nicht, weil er „wahnsinnig“ gewesen wäre – diese Lesart ist zu bequem –, sondern weil er etwas tat, was vor ihm niemand in dieser Offenheit gewagt hatte:
Er regierte nicht mehr. Er demonstrierte Macht.
Caligula demütigte den Senat – die formell gewählten Volksvertreter – öffentlich. Die berühmte Episode, er habe sein Pferd zum Konsul machen wollen, war kein Ausbruch geistiger Umnachtung, sondern eine präzise Botschaft: Eure Ämter bedeuten nichts.
Er machte sichtbar, dass die republikanischen Formen bereits hohl waren.
Der von ihm auf die Spitze getriebene Kult um den Kaiser diente nicht religiösem Wahn, sondern als Loyalitätstest. Widerstand war nicht mehr politisch, sondern Sakrileg. Legitimation wurde durch Inszenierung ersetzt.
Das Volk wurde zum Publikum.
Was Caligula auszeichnete, war nicht Exzess, sondern die demonstrative Entblössung der Macht. Er stellte Macht ohne Scham zur Schau, nutzte Reichtum ohne Rechtfertigung, setzte auf Sichtbarkeit ohne Erklärung. Seine privaten Anwesen wurden zu politischen Resonanzräumen.
Der Staat kam zu ihm, nicht umgekehrt.
Nach vier Jahren Herrschaft wurde Caligula ermordet. Anschliessend erklärten ihn die Sieger für verrückt.
Diese Pathologisierung war kein medizinisches Urteil, sondern eine politische Entlastung: Nicht das System hatte versagt, sondern ein Irrer hatte es missbraucht.
Hier beginnt die Gegenwart.
Daniel Flury meint
Wenn wir dieses Fötteli nehmen, dann gleicht das in verblüffender Weise Barron (a-ha) Trump.
Nicht dass wir übertreiben wollen, aber er ist sicher weit weg von der Exzellenz des Caligula.
Allerdings, heutzutage (es braucht ja keine Marmorstatuen mehr, sondern Reels reichen), könnte er deren Reich (MAGA) durchaus weiterführen.
Kein Ross, keinen Reiter brauchts, es reicht ein Golfplatz, um die Nachfolge zu regeln.
Paule meint
Das ist wahrlich eine treffende Beschreibung Trumps. Wünsche Ihnen einen guten Rutsch, viele Leser im neuen Jahr und überdies weitere originelle Gedankengänge.