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KI als Soma: süss im Alltag, radikal im Leben

24. September 2025 By Manfred Messmer

Ich sitze an meinem Schreibtisch im Minergie-Haus. Draussen sind es elf Grad, drinnen verteilt die Komfortlüftung dank Wärmetauscher 21 Grad warme Frischluft vom Keller bis unters Dach.

Seit April steht die Gastherme mehr oder weniger still, unser Warmwasserbedarf ist äusserst gering.

Auch der Stromverbrauch liegt laut aktueller Jahresrechnung erneut unter dem Durchschnitt – und das trotz E-Auto. Wir gehen mit Energie also durchaus bedacht um.

Während ich diesen Text schreibe, nutze ich ChatGPT: als Recherchehilfe, Sparringpartner und Lektor. Und habe dabei das Bild dieses gigantischen Datacenters im Kopf, das kürzlich in Texas in Betrieb genommen wurde. Weshalb sich mir unweigerlich  die Frage stellt: Wie viel graue Energie ziehe ich eigentlich über unser Quickline-Kabel in mein auf  Energiesparen getrimmtes Minergie-Haus?

Der Strombedarf durch AI und Cloud wächst rasant.

Ich lese: In den USA verschlangen Datenzentren 2023 bereits 176 Terawattstunden Strom, das waren 4,4 Prozent des gesamten Verbrauchs. Weltweit dürfte der Bedarf bis 2030 auf 945 Terawattstunden steigen, also mehr als eine Verdoppelung. Rund 60 Prozent dieses Stroms stammen nach wie vor aus fossilen Quellen, nur 27 Prozent aus erneuerbaren Energien. Und in Europa erwartet McKinsey bis 2030 einen Anstieg von heute 62 auf über 150 Terawattstunden – ein Sprung von zwei auf fünf Prozent des gesamten Stromverbrauchs.

Ganz zu schweigen von Rohstoffen, Wasser und Land, die diese Industrie verschlingt.

Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass mehr als 70 Prozent der Anfragen an ChatGPT gar keinen Arbeitszweck haben, sondern privat, kreativ oder schlicht informell sind: Ferienplanung, Kochrezepte, ein paar Worte für die Geburtstagsfeier, Therapietröstereien. In den USA geben 20 bis 30 Prozent der Nutzer offen zu, die Maschine genau so einzusetzen.

Man sollte nun aber nicht dem naheliegenden Reflex erliegen: „Typisch diese Amerikaner.“ In Europa wird schlicht nicht danach gefragt.

Hier dominieren die Umfragen, die Unternehmensberatungen und Tech-Firmen in Auftrag geben – und entsprechend das Bild zeichnen, das wir alle kennen: KI als Werkzeug der Prozessoptimierung in Unternehmen und in den Redaktionen zur Unterstützung der journalistischen Arbeit. In der Schweiz liegt dieser Anteil bei bemerkenswerten 87 Prozent, meist klammheimlich.

Angesichts der gewaltigen Summen, die in KI-Systeme fliessen, des Verbrauchs von Lebenszeit der cleversten Köpfe, die an der Verfeinerung dieser Maschinen arbeiten, und nicht zuletzt der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte im Globalen Süden für das Training und Filtern der Daten, wirkt das Ganze wie ein gigantischer Luxusverbrauch.

Luxus deshalb, weil die Technologie für die Mehrheit der Nutzer nichts kostet – sie wird gratis aufs Handy geliefert. Was sich im Alltag als kostenloses Spielzeug präsentiert, ist in Wahrheit eine ökologisch, intellektuell und sozial belastende Infrastruktur.

Und damit komme ich zu einem politischen, vielleicht etwas gewagten Schluss: Das eigentliche Problem der KI ist nicht ihr Stromhunger oder die Banalität vieler Abfragen.

Es ist die psychologische Verschiebung.

Wir gewöhnen uns daran, die KI als Helferin zu sehen – während sie im Hintergrund die Spielregeln der Arbeitswelt radikal umschreibt.

Man könnte sagen: Das Volk ist mit KI-Spielereien abgelenkt, während das Kapital die Regeln des Arbeitslebens neu schreibt. Nicht gleich „1984“, eher ein Hauch von Brave New World: KI als Soma – süss, beruhigend, verführerisch.

PS: Für diesen Post habe ich gemäss ChatGPT knapp 0.1 kWh Strom verbraucht – also etwa so viel wie eine 10-Watt-LED, die acht Stunden brennt.

Kategorie: Einsichten Stichworte: KI

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

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