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Schweizer nur ganz knapp für die direkte Demokratie

23. November 2016 By Manfred Messmer

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Die­se Zahl müs­sen Sie sich mer­ken, wenn Sie künf­tig als Po­li­ti­ker oder als po­li­tisch ­in­ter­es­sier­ter Ci­toy­en die di­rek­te De­mo­kra­tie hoch­le­ben las­sen: 49,3 Pro­zent.

Weil die Schweiz ja sehr viel auf ihr di­rekt­de­mo­kra­ti­sches Sys­tem gibt.

Man kann sa­gen: durch­aus zu Recht. Denn rein ­theo­re­tisch ist das ei­ne gu­te Sa­che, wenn die ­Bür­ge­rin­nen und Bür­ger nicht nur al­le vier Jah­re, son­dern auch in der lau­fen­den Le­gis­la­tur des ­Par­la­ments bei vie­len Sach­fra­gen das letz­te Wort ha­ben.

Und ei­ge­ne Ide­en ein­brin­gen kön­nen.

Wo­bei – trotz kom­ple­xer Welt – die Fra­gen zu den viel­schich­ti­gen Pro­ble­men der­art sim­pel for­mu­liert sein müs­sen, dass ein Ja oder Nein als ­Ant­wort ge­nügt. Wol­len Sie die Atom­kraft­wer­ke ab­stel­len? Ja oder Nein?

Das ist fast wie: Wol­len Sie ein Ei zum Früh­stück?

Ja oder Nein – ist die di­rek­te De­mo­kra­tie der Schweiz des­halb so po­pu­lär, weil sie im Kern ein po­pu­lis­ti­sches Ele­ment enthält, in­dem sie schlich­te Ant­wor­ten auf kom­pli­zier­te Sach­ver­hal­te ein­for­dert?

Denn dif­fe­ren­zier­te Ein­wen­dun­gen sind bei Ab­stim­mun­gen aus­ge­schlos­sen, ge­ra­de wenn man am liebs­ten ein So­wohl-als-auch-und-über­haupt auf den Ab­stim­mungs­zet­tel schrei­ben wür­de.

Man mag die­sen oder je­nen Aspekt stär­ker ge­wich­ten, wes­halb das Ja oder das Nein ger­ne «oh­ne Be­geis­te­rung» oder «über­zeugt» ein­ge­legt wird.

Doch erst mal in der Ur­ne, ist das Ja ein Ja und das Nein ein Nein.

50,7 Pro­zent. In der Schweiz gilt selbst ein Ab­stim­mungs­er­geb­nis von 50,1 Pro­zent als kla­res Vo­tum und wird von da an mit «ein­deu­ti­gem Volks­wil­len» apo­stro­phiert. Die 49,9 Pro­zent sind am Mon­tag da­nach höchs­tens noch schlech­te ­Ver­lie­rer, weil seit ei­ni­ger Zeit dar­auf be­stan­den wird: The win­ner ta­kes it all.

50,7 Pro­zent: Das war die knap­pe Mehr­heit, wel­che am 11. Sep­tem­ber 1949 die Eid­ge­nös­si­sche Volks­i­ni­tia­ti­ve «Rück­kehr zur di­rek­ten De­mo­kra­tie» gut­ge­heis­sen hat.

Das heisst: 49,3 Pro­zent der Stimm­bür­ger – die ge­wähl­te männ­li­che Form ist hier völ­lig kor­rekt – woll­ten kei­ne di­rek­te De­mo­kra­tie mehr ha­ben.

Sie woll­ten, dass «die ver­fas­sungs­mäs­si­gen Rech­te durch all­ge­mein ver­bind­li­che Bun­des­be­schlüs­se» (Ver­fas­sungs­zu­satz von 1939) ein­ge­schränkt blei­ben.

Wie um­strit­ten die Wie­der­ein­füh­rung der Volks­rech­te war, zeigt die Tat­sa­che, dass die von Waadt­län­der Frei­sin­ni­gen und Li­be­ra­len er­grif­fe­ne In­itia­ti­ve das bis da­hin knapps­te Ab­stim­mungs­er­geb­nis er­brach­te.

Es dau­er­te dann noch bis 1952, bis das gel­ten­de Voll­machts­re­gime «zum Schut­ze des Lan­des und zur Auf­recht­er­hal­tung der Neu­tra­li­tät» voll­stän­dig auf­ge­ho­ben wur­de.

Dank des Aus­ser­kraft­set­zens der Volks­rech­te konn­te der Bun­des­rat über zehn Jah­re lang wie je­de ge­wöhn­li­che Re­gie­rung auf die­ser Welt Ge­set­ze er­las­sen, oh­ne dass «das Volk» ir­gen­det­was da­zu zu sa­gen hat­te.

Ins­ge­samt 543 Voll­machts­be­schlüs­se wur­den ge­fasst, dar­un­ter die Wie­der­ein­füh­rung der Kriegs­steu­er, die 1984 in «Di­rek­te Bun­des­steu­er» um­be­nannt wur­de, schreibt Tho­mas Mais­sen in sei­ner «Ge­schich­te der Schweiz».

Und das war es dann auch schon.

Kein Wort über die In­itia­ti­ve zur Wie­der­ein­füh­rung des Re­fe­ren­dums mit da­mals noch 30 000 Un­ter­schrif­ten, kein Wort über das knap­pe Ab­stim­mungs­er­geb­nis, kein Wort dar­über, dass die Schweiz in einen «au­to­ri­tär­en Staat mit to­ta­li­tär­en Ten­den­zen, in dem die Frei­heits­rech­te aus­ge­schal­tet sind» (der Staats­recht­ler Zac­ca­ria Gia­co­met­ti) ab­ge­drif­tet war.

Mög­lich, dass das knap­pe Ja zur di­rek­ten De­mo­kra­tie heu­te vie­len et­was pein­lich ist.

Zuerst erschienen in der Basler Zeitung vom 23. November 2016

Credits @claudelongchamp

Kategorie: BaZ-Kolumne, London Stichworte: BaZ-Kolumne

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

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