Ich habe vor Jahren einmal Mandarin gelernt. Ein Experiment: eine Sprache lernen, aus einem völlig anderen Kulturkreis.
Chinesisch ist verblüffend logisch gebaut.
Die Sätze folgen einer fast schon militärischen Ordnung, jedes Element an seinem Platz. Hängt man am Ende ein „Ma“ an, wird aus der Aussage eine Frage – vorausgesetzt, die Betonung stimmt.
Sonst heisst es Pferd.
Als völlig unmusikalischer Mensch bin ich denn an der Aussprache ziemlich kläglich gescheitert. Der Taxifahrer vor dem Bahnhof von Nanning verstand nur Bahnhof.

Wir staunen gern über die chinesischen Schriftzeichen, die man zeitgenössisch als Piktogramme bezeichnen könnte. Das neuzeitliche Wort „Kino“ etwa setzt sich zusammen aus dem „Bild“ Wand und dem „Bild“ Licht, das auf die Wand trifft.
Rund 3000 Zeichen genügen, um mit Mandarin sich im Alltag zurecht zu finden.
(Nebenbei: Kinder in China – und westliche Sprachschüler – lernen zuerst Pinyin, die Romanisierung der Sprache. Praktisch, denn am Mobiltelefon tippen Chinesen Pinyin, das dann automatisch in Zeichen transkribiert wird.)
Meine Bewunderung hat sich inzwischen relativiert.
Denn der Homo gadgetiensis hantiert heute selbst mit einem Schriftsystem zweiter Ordnung: Icons, Menüs, Gesten, Shortcuts, Logins, Bestätigungen. Komplexer und – unlogischer als die paar tausend chinesischen Schriftzeichen.
Konservativ geschätzt muss ein moderner Nutzer 4000 bis 6000 dieser „Zeichen“ aktiv beherrschen. Rechnet man Passwörter, ständig wechselnde Icons und Menüstrukturen hinzu, sind wir schnell bei 10’000 Einheiten – also ungefähr dort, wo ein sehr gebildeter Chinese mit seinen Schriftzeichen steht.
Nur: Unsere Zeichen sind flüchtig.
Während ein Chinese mit seinen 3000 Zeichen ein kulturelles Erbe meistert, das über Jahrhunderte gewachsen ist, werden wir zu ewigen Schülern degradiert. Ein Mandarin aus dem 18. Jahrhundert könnte noch heute ein Gedicht lesen – wir aber scheitern an einer Softwareoberfläche von 2005.
Wer die ständig neuen Symbole nicht kennt, ist draussen.
Wie ich darauf komme?
Ach ja: Ich wollte in Safari Apples Passwortmanager durch Proton Pass ersetzen.
Klingt simpel.
Doch ohne ChatGPT, dieser Erweiterung meines Denkens und Helfer(in?) in der Not, wäre ich wohl noch immer am Suchen – und nicht am Schreiben.
P. Keller meint
Kam unsere Paradevertretung zum Zug, weil ‚ma‘ den Anfang seines Namens bildet – oder obschon?