
This is why, when Trump is caught in inconsistencies or outright lying, such disclosures only help him: his partisans take even his lies as a proof that he acts like a normal human being who does not just rely on his expert advisers but bluntly speaks his mind.** Slavoj Žižek
Wir müssen umdenken.
Trump zwingt uns, Politik neu zu verstehen.
Er gibt uns – ob wir wollen oder nicht – die Gelegenheit, an einem hochbeschleunigten Weiterbildungskurs in Sachen Medienkompetenz teilzunehmen.
Was wir dabei schon gelernt haben: Trump als Dauererregung bringt nichts. Wer ihn bei der Lüge ertappt, hält das für einen Sieg der Wahrheit – und täuscht sich erneut.
Ich lese seit Jahren Bücher und Essays des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek. Seine Klarheit im Denken, seine stringenten Argumentationslinien, seine überraschenden Schlussfolgerungen sind Nahrung fürs Hirn – auch wenn ich politisch in einer anderen Welt lebe.
Deshalb scheint mir plausibel, was Žižek feststellt: Trump nutzt „die Lüge“ als Methode und Mittel, um seine Authentizität zu markieren. Seine Anhänger glauben, er sei „echt“, weil er lügt, weil er nicht perfekt ist, weil er unschöne Seiten zeigt – und gerade dadurch als „nicht Teil des Establishments“ gilt.
Schliesslich sind wir uns gewiss: Alle Politiker lügen.
Doch Žižek geht weiter: Er unterscheidet zwischen der klassischen Lüge, die Wahrheit voraussetzt, und dem postfaktischen Reden, das gar keinen Bezug mehr zu ihr hat.
Wenn ich vor zwei Tagen über die Medien geschrieben habe, sie hingen „der Fiktion der Objektivität“ nach, dann trifft dies auch auf den Normalbürger zu.
Wenn bislang galt: Die Sieger schreiben Geschichte – was bedeutet, sie interpretieren die Geschehnisse gemäss ihren Intentionen –, so gilt heute, dass dieser Prozess permanent geworden ist.
Wir können deshalb festhalten: Trump lügt nicht.
Zumindest nicht im klassischen Sinn. Eine Lüge setzt das Wissen um die Wahrheit voraus. Was bedeutet, dass der Lügner einen ständigen inneren Kampf gegen sich selbst führen muss – was, wir kennen das aus Kriminalgeschichten, recht anstrengend sein kann.
Deshalb: Nein, Trump lügt nicht.
Žižeks Analyse zielt denn auch auf das Gegenteil – auf die Zersetzung des Wahrheitsbegriffs durch das Inszenieren des Ungefilterten
Das Entscheidende – und das meint Žižek – ist, dass alle wissen, dass es nicht stimmt, und dass dieses Allgemeinwissen Trumps Wirkung nicht schwächt, sondern stärkt. Die Wahrheit liegt nicht im Inhalt, sondern in der Performance: Trump redet so, wie einer redet, der nichts zu verbergen hat.
Darin steckt das Paradox: Gerade weil er nicht lügt, sondern jenseits von Wahrheit redet, gilt er als „authentisch“. Trump ersetzt Wahrheit durch Resonanz: Nicht was er sagt, zählt, sondern dass er redet und gehört wird. Die Stimme ersetzt den Sinn, der Redefluss ersetzt den Gedanken.
Das Faszinosum: Trump halluziniert.
Nicht weil er irre ist, sondern weil er auch ohne Wirklichkeit in sich schlüssig ist.
Er simuliert Bedeutung – ich, der Präsident, der über allem steht, sogar über der Wirklichkeit – und das genügt den meisten.
Auf den Punkt gebracht. Er ist die erste menschliche KI: kohärent ohne Wahrheitssinn.
———–
**Wenn Trump bei Widersprüchen oder offenkundigen Unwahrheiten ertappt wird, nützt ihm das am Ende nur. Seine Anhänger sehen selbst in seinen Lügen den Beweis, dass er sich wie ein normaler Mensch verhält – einer, der sich nicht auf Expertenrat verlässt, sondern offen ausspricht, was er denkt.
Daniel Flury meint
Gehen wir zu den Anhängern (nein, nicht zu den Trailern).
Wer diesen Unterschied nicht kennt, der braucht einen Führer, der ihm den Unterschied erklärt.
Und da wären wir wieder bei der KI … .
Klaus Kirchmayr meint
Die Analyse ist korrekt und das verdichtet sich. Es bleibt die Frage, wie gehen wir damit sinnvoll um? Kopieren, Ignorieren, Anpassen, Kuschen, Kämpfen, Trollen, Verklagen,….???? alles ist zu beobachten, nichts funktioniert bis jetzt auch nur ansatzweise.
M.M. meint
Erster Schritt; Den Komplex „Trump“ vom Bauch in den präfrontalen Kortex verlegen und von dort ihn als äusserst spannenden, historischen Echtzeitvorgang begleiten.
Roggenbass meint
Erster Schritt: einen demokratischen Kandidaten megaclever aufbauen. Bald zu spät. Geht leider auch nicht ohne Show & Blingbling und verspricht auch keine Wunder. Aber was bleibt uns sonst? Auf den Gevatter warten mit der Sense? Wie – recht erfolglos – beim andern in Moskau?