Die Basler Zeitung hat in den letzten Tagen Interviews mit den beiden Verbliebenen im Rennen um den frei werdenden Regierungssitz der FDP veröffentlicht. Gute, seriöse und faire Arbeit – Kompliment übrigens an den Fotografen.
Der Erkenntnisgewinn unter dem Strich: bescheiden – vielleicht, weil Kandidat und Kandidatin sich in ihrem Verwaltungshabitus noch nähergekommen sind.
Was mich wundert – eigentlich schon den ganzen Wahlkampf über: Weshalb wird Markus Eigenmann nie zu seiner Rolle als CEO befragt?
Auch der Kandidat selbst bleibt wortkarg.
Kein Wort des Stolzes über seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, kein Satz über das, was er und seine Partner aufgebaut haben. Kein Hinweis auf die internationale Erfahrung, die er als CEO eines global tätigen Unternehmens ins Regierungsamt einbringen könnte.
Man hat fast den Eindruck, das Thema sei tabu.
Ich kenne die Vorgängerfirma und deren Produkt. Ich hatte seinerzeit ein Beratermandat bei Marc Jaquet – eine faszinierende Unternehmerfigur.
Er hatte den väterlichen Betrieb jung übernommen und ihn innert weniger Jahre aus dem Wellental geholt. Der Produktionsbetrieb in einem Basler Wohnquartier, spezialisiert auf Drehzahlmessung und Signalverarbeitung für Schiffsmotoren, hatte sich auf dem Weltmarkt eine Nische erobert – eine beachtliche Leistung.
Markus Eigenmann war damals eine Art COO, ein Werksleiter mit Systemblick.
Jaquet und Eigenmann ergänzten sich perfekt: dort der unruhige Visionär, hier der prozessorientierte Verwaltungsprofi, der den Laden administrativ zusammenhielt. Folgerichtig übertrug ihm Jaquet die Federführung für den Bau der neuen Produktionsstätte in Pratteln.
Kaum war der neue Firmensitz bezogen, folgte der Bruch: 2016 verkaufte Marc Jaquet die Jaquet Technology Group an den international tätigen Konzern TE Connectivity Ltd. mit Sitz im irischen Galway, einem führenden Anbieter von Sensor- und Verbindungstechnologie mit Verwaltungszentren in den USA.
Markus Eigenmann blieb als Standortleiter im Amt.
Doch schon zwei Jahre später zog TE Connectivity eine neue Bilanz: Die Marktlage hatte sich verändert. In einem Management-Buy-out übernahm ein Team ehemaliger Jaquet-Führungskräfte das operative Geschäft und gründete 2018 die Alpha Diagnostics AG – eine kleine, hochspezialisierte Spin-off-Firma, die den Kern des früheren Geschäfts fortführt.
Das Firmenmuster entspricht einem klassischen MBO-Spin-off: kleine Einheit, gleiche Kompetenz, neue Kapitalstruktur. Zahl der Mitarbeitenden, Produktionsstandort(e) und Umsatz werden nicht publiziert.
Das Aktienkapital beträgt 290’000 Franken – für ein Technologieunternehmen mit Entwicklungsanspruch eher bescheiden. Unternehmen dieser Art liegen üblicherweise zwischen 500’000 und einer Million Franken – oft ergänzt durch stille Beteiligungen oder Fördermittel.
In Kommentaren wird denn auch zu Recht betont: Eigenmann sei CEO eines KMU. Man könnte ergänzen: ein Halbtags-CEO – schliesslich ist auch das Gemeindepräsidium ein Teilzeitmandat, entschädigt mit rund 80’000 Franken jährlich.
Auch daraus liesse sich eigentlich eine interessante Geschichte machen: ein Unternehmer, der sich fürs Gemeinwohl engagiert und zugleich ein international ausgerichtetes KMU führt – eine Stärke der Region, geballte Expertise auf kleinstem Raum.
Eigenmann ist ein ohne Zweifel guter Gemeindepräsident: Er führt den Verwaltungsbetrieb konsequent und hat die Abläufe effizienter gemacht. Problematisch wird es dort, wo das Klare ins Diffuse kippt – wenn Bürger gegen vermeintliche Willkür der Verwaltung aufbegehren.
Ihm fehlt dann oftmals das Gespür für Stimmungen und den richtigen Ton.
Er erinnert mich in dieser Hinsicht an Christoph Stutz, mit dem ich fast fünf Jahre lang zusammengearbeitet habe: ein brillanter Kopf mit klaren Vorstellungen und Durchsetzungskraft – CEO-Eigenschaften eben –, der letztlich an der Politik im Grossen Rat und im Baudepartement scheiterte.
Ich kenne einige Leute, die das Zeug für den Regierungsrat hätten – und, mit Verlaub, objektiv bessere Voraussetzungen mitbrächten als die beiden Kandidierenden. Doch für die meisten Unternehmerinnen und Unternehmer mit politischer Erfahrung ist der Rückweg in die Politik unattraktiv: «Warum soll ich mir das antun – mich ständiger Kritik aussetzen und nach acht oder zwölf Jahren wenig erreicht haben?» lautet die häufigste Antwort, als wäre sie abgesprochen.
Was also, um zur Ausgangsfrage zurückzukehren, ist das zentrale Motiv von Markus Eigenmann, seine Eigenständigkeit als Partnerunternehmer aufzugeben und ganz auf die Politik zu setzen?
Vielleicht ist die plausibelste Antwort diese: Es gibt Momente, in denen Menschen nicht einfach Positionen wechseln, sondern ihr ganzes Koordinatensystem. Markus Eigenmann scheint an einem solchen Punkt angekommen – er setzt alles auf die politische Karte, wissend, dass er auch verlieren kann.
Daniel Flury meint
Christoph Stutz?
War das nicht der, der unter Korruptions- und Begünstigungsverdacht nach einer Legislatur nicht mehr gewählt wurde?
Aber tief gefallen ist der ja nicht (Schweiz halt, und die «brillianten Köpfe»).
M.M. meint
Sie meinen die „Altersheim Sache“ – Stutz hatte forsch entschieden, aber im falschen Umfeld halt. Desgleichen der Fall Kehrichtverbrennung – Verfahren abgekürzt, Parlament beleidigt. Das war übrigens der Punkt, wo Willi Gerster (SP) Stutz den Kampf auf allen Ebenen angesagt hatte. Die Genossen belohnten ihn mit dem BKB-Präsidium.
Das wird Eigenmann nicht passieren, weil er, anders als Stutz (Jurist), kein Unternehmer, sondern ein Verwalter (Ing.) ist.
Mathias Treyer meint
„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“…
Die Gretchen-Frage an jeden, der ein höheres Amt anstrebt – warum willst du dir das nur antun.
Für mich eigentlich die einzig wirklich relevante Frage.
Toller Blogeintrag – hat mich gedanklich 1 Stunde von der Arbeit abgehalten.
P. Keller meint
Man kann praktisch allem zustimmen, was Sie hier – allerdings mit ausgesprochen dicken Samthandschuhen – formulieren, vielleicht einmal abgesehen von der allzu wohlwollenden Einschätzung seiner Verwaltungsführung. Und genau deshalb wähle ich nicht ihn, so bürgerlich-bieder ich sonst daherkomme, sondern sie. Ob sie gebaut ist für den Sturm und das Diffuse, weiss ich nicht. Was ich aber weiss: er mit Sicherheit nicht.
unterbaselbieter meint
So ein wissenswerter Artikel über die für „Normalos“ wie ich unbekannte Seite von Eigenmann sollte eigentlich in der „BaZ“ oder „BZ“ erscheinen. Das wusste ich alles nicht und wird auch nirgends hervorgehoben.
„Alles auf die eine (politische) Karte setzten“ ist – empfinde ich – ein wenig übertrieben. Er hat ja nichts zu verlieren. 80’000 Fr fürs Präsidium von Arlesheim ist viel (viele Gemeindepräsidenten machen diese Arbeit für ein Händedruck). Dann sicher noch ein paar Pösteli innerhalb der FDP oder als Verwaltungsrat… Logisch nimmt da der Drang nach harter Arbeit in der Privatwirtschaft ab.
30’000 Armutsbetroffene in BL werden aber Eigenmann trotz seiner Vita nicht wählen, wenn er Sprüche wie „In BL arbeitet niemand mehr fürs Essen“ (BaZ) raushaut. Da empfinde ich Elitentum, Überheblichkeit und wenig Schollenverbundenheit. Was kostet 1 Liter Milch? Und ein Brot? Kann er diese Fragen beantworten ?!?
Markus Eigenmann meint
Sie dürfen mich gerne mal beim Einkaufen von Milch und Brot begleiten 😉
Der von Ihnen angesprochene Interview-Titel wirkt in der Tat überheblich, wenn er für sich alleine steht. Ich habe den Satz im Interview im Zusammenhang mit der Arbeitsmotivation von jungen Erwachsenen geäussert und wollte damit ausdrücken, dass andere Motivationsfaktoren heute entscheidender sind. Offenbar konnte die bazonline-Redaktion nicht widerstehen, den Satz als Titel für das Interview zu verwenden (in der Printausgabe wurde ein anderer Satz verwendet).
Und noch ein Wort zu den angeblichen Pösteli: Die gibt es bei mir nicht, weder bei der FDP noch in Verwaltungsräten.