
Gestern hat Donald Trump vor der UNO-Vollversammlung dem Iran mit Vernichtung gedroht.
Er stellte die Alternative: ein Deal – oder die USA würden die «Islamic Republic» «annihilate» und «into hell» treiben.
Eine solche Äusserung wäre noch vor wenigen Jahren als ungeheuerlicher Tabubruch eines amerikanischen Präsidenten behandelt worden.
Die Reaktion heute: erstaunlich wenig Empörung.
Im Westen wird die Drohung registriert. Aber kaum jemand scheint noch ernsthaft erschüttert. Und auch im übrigen Teil der Welt bleibt die grosse Reaktion aus.
Was bedeutet das?
Nimmt man Trump im Westen inzwischen nicht mehr ernst, weil seine verbalen Ausfälle längst im politischen Geschäft eingepreist sind?
Und ist man in Afrika und Asien deshalb wenig überrascht, weil Trump lediglich offen ausgesprochen hat, was viele Staaten seit Jahrzehnten als Realität internationaler Politik erleben: Grossmächte setzen ihre Interessen mit inzwischen nahezu allen Mitteln durch, wenn sie dies für notwendig halten?
Wäre dem tatsächlich so, dann hätte Trumps Ausfall eine andere, weit grundsätzlichere Bedeutung.
Das Problem läge nicht nur darin, dass ein amerikanischer Präsident einem anderen UNO-Mitglied vor der Generalversammlung mit Vernichtung droht.
Das Problem läge darin, dass der Westen damit seinen eigenen Anspruch auf eine regelbasierte Weltordnung untergraben würde.
Denn wer universelle Regeln beansprucht, kann Grossmachtpolitik nicht gleichzeitig als Normalfall praktizieren.
Und hier können wir ins Präsens wechseln: Das hat weltpolitische Folgen.
Nicht weil nun alle glauben, Trump werde den Iran tatsächlich «annihilate» und zur Hölle schicken.
Sondern weil immer weniger Staaten Grund haben zu glauben, dass die Regeln, auf die sich der Westen beruft, tatsächlich für alle gelten.
Christian Dreyer meint
Nanu? Die regelbasierte Weltordnung ist längst passé, haben Sie das noch nicht bemerkt?
Manfred Messmer meint
Eine konsequent regelbasierte Weltordnung hat es wohl nie gegeben. Grossmächte haben Regeln immer schon ziemlich selektiv angewandt.
Trump zeigt das lediglich besonders unverblümt.
Und unterschreibt gleichentags den Grönlandvertrag – der gerade deshalb, weil er völkerrechtlich bindend ist, ziemlich regelbasiert zustande gekommen ist.
Peter Thomas Stähli meint
Unglaublich! Stellen wir uns vor, Putin würde dasselbe bezüglich der Ukraine sagen.