
Die politische Verschiebung im Osten Deutschlands lässt sich an meinen Lesegewohnheiten ablesen.
Ich lese FAZ, WELT und, als Kontrast, die ZEIT. Wobei: mein FAZ-Abo läuft heute aus, die WELT habe ich vor zwei Monaten erneut abonniert.
FAZ und WELT galten beide als bürgerliche Stimmen – die FAZ liberal-mittig, die WELT deutlich rechts davon.
Galten.
Vor zwei Jahren hatte ich die WELT gekündigt. Sie war mir zu radikal geworden, zu nahe an die Weltwoche gerutscht, ihre Köpfe wirkten festgefahren. Tag für Tag dasselbe Lamento über Deutschland und seine Regierung – selbst der Wechsel von Scholz zu Merz änderte daran nichts.
Also die FAZ. Ruhiger Ton, lesenswerte Beiträge, Denkanstösse.
Doch auch dort stellte sich Ermüdung ein. Die Zeitung dümpelte im selbstzufriedenen Fahrwasser ihrer klugen Köpfe, der Kompass zeigte zunehmend nach links der Mitte – was man in der Redaktion offenbar für besonders liberal hält.
Die WELT, hiess es in städtisch-intellektuellen Kreisen, rede der AfD nach dem Mund. Poschardt, Martenstein, Schuster, Broder, Schneider schrieben Deutschland nach rechts.
Und nun das Interessante.
Seit zwei Monaten lese ich die WELT wieder regelmässig und folge den wichtigen Leuten auf X. Die Autoren schreiben, was sie immer schrieben – Deutschland brauche eine radikale bürgerliche Wende. Vor zwei Jahren klang das schrill. Heute klingt es wie eine kluge Einschätzung der Lage.
Nicht weil sich die WELT bewegt hätte. Rechts von ihr ist lediglich der Platz besetzt worden, den Strauss einst als äusserste Grenze der CSU markierte: «Rechts von uns darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben.»
Am Sonntag wurde in Sachsen-Anhalt das neue Bühnenbild aufgezogen. Die AfD erreichte rund 44 Prozent und verdoppelte damit ihren Stimmenanteil, die CDU kam noch auf 17 Prozent.
Das ist keine politische Verschiebung mehr. Das ist ein tektonischer Bruch.
Rechts von der WELT steht nicht mehr bloss eine publizistische Provokation, sondern eine Partei, die in einem deutschen Bundesland zur dominierenden Kraft geworden ist – bei Männern und Frauen, Jungen und Älteren, selbst bei den 60-Jährigen plus, der traditionellen CDU-Stammwählerschaft, mit 36 Prozent.
Die WELT ist nicht gemässigter geworden. Sie erscheint nur mittiger, weil jetzt rechts von ihr eine Kraft mit nahezu absoluter Mehrheit poltert.
Die FAZ kämpft derweil um ihren Platz in einer Mitte, die Kontur verliert.
Denn früher bestimmte die gesellschaftliche Mitte, was als rechts galt. Heute bestimmt die erstarkte Rechte, was allenfalls noch als Mitte durchgehen könnte.
Im Grunde genommen sind ohnehin alle links.
Was mich selbst nach rechts zu schieben scheint, hat sich nicht erst am Wahlsonntag angekündigt, sondern in meinem übrigen Medienkonsum.
Seit Monaten quäle ich mich beispielsweise durch die «heute»-Nachrichten des ZDF – nicht mehr vornehmlich aus Interesse an deutscher Politik, sondern nur noch als Ritual. Je näher der Wahltermin rückte, desto mehr sendeten die Leute aus einem Land, das mit jenem ihrer Zuschauer nur noch lose verbunden schien.
Und ausgerechnet die ZEIT schreibt heute, die Elite rede, «als käme sie von einem anderen Stern». Bemerkenswert – genau das war seit Jahren mein Eindruck von der ZEIT selbst.
3sat übertrifft das derzeit noch.
Seit über die Zukunft des Senders und ein Aufgehen in Arte diskutiert wird, lebt mancher Mitarbeiter sein – wie Poschardt sagen würde – «versifftes Weltbild» ein letztes Mal aus.
Angsttriebe, bevor der Baum fällt.
PS: In Appenzell Ausserrhoden – für die Schweiz ungefähr das, was Sachsen-Anhalt für Deutschland ist – erreichte die SVP bei den Nationalratswahlen 2023 47,7 Prozent. In Deutschland würde man von einem tektonischen Bruch sprechen. In der Schweiz nennt man das ein Wahlergebnis.
Daniel Flury meint
Gut, vielleicht haben die Leute da oben einfach die Schnauze voll davon, dass sie für die gleiche Arbeit in der Industrie zwanzig Prozent weniger verdienen, als die in den Wessi-Standorten.
Oder, dass vom Volk vollsubventionierte Kulturbetriebe Badetage für «afrikanisch Gelesene» organisieren, und «weiss Gelesene» davon ausschliessen.
Oder schlicht auch einfach davon, dass Männer mit Dreitagebart in die Frauen-Badis drängen und, wenn sie nicht reingelassen werden, auch noch Entschädigung dafür verlangen können.
Wie auch immer: Das Volk hat entschieden.
unterbaselbieter meint
Wieder mal eine Perle auf „arlesheimreloaded.ch“. Der Artikel „Rutschung“ sagt alles aus. Brilliant zusammengefasst und geschrieben.
Was muss man da noch den Schweizer Blätterwald konsultieren. Solch gute Artikel findet man dort nicht. Den Lesenden freut es. Unsere CH-Zeitungen darben.
Und die Verleger-Familien Ringier, Wanner, Calcagni, Kaczynski, Kaestner, Landshoff, Schulthess, Supino, Coninx und deren grosse Erbengemeinschaften klönen…..
Tipp: Wie wärs mal mit solchem Hintergrund und Wissen a la arlesheimreloaded in euren Gazetten….
Apropos CH-Medien: Die BaZ schrumpft weiter und das Ende ist nah. Das Personal des Basler „Leit“medium (oder eher „Light“medium) hat nun an einem Wiener Kaffeehaustisch platz…. Realitäts-Bericht vom Aeschenplatz hier:
https://insideparadeplatz.ch/2026/09/04/basler-zeitung-unten-wird-gestoehnt-oben-gebruellt/