
In Liestal schaut jede Kommission durch ihre eigene Brille auf dasselbe Spital. Die Gesundheitskommission sieht Betten, Standorte und Versorgungsformen. Die Finanzkommission sieht Beton, Kredite und eine Schuldenbremse, die plötzlich selbst zur Disposition steht.
Und Basel-Stadt sieht Arbeitsplätze, Forschung und ein Universitätsspital, das genügend Patienten braucht, um seine Grösse zu rechtfertigen.
Und der Landrat scheint ratlos. Alle reden vom selben Projekt. Niemand redet vom selben Problem. Was den urschweizerischen Reflex hervorruft, wenn man nicht mehr weiter weiss: die Denkpause.
Der letzte wirklich folgenreiche Spitalentscheid fiel am 10. Februar 2019. Damals sagten 66,6 Prozent der Baselbieter Stimmberechtigten Ja zur Fusion von Kantonsspital Baselland und Universitätsspital Basel. Gescheitert ist das Universitätsspital Nordwest an Basel-Stadt: 55,9 Prozent sagten Nein.
Die gemeinsame Gesundheitsregion wurde trotzdem beschlossen.
Seither besteht die bemerkenswerte Konstruktion fort: Man will gemeinsam planen, aber getrennt betreiben. Zwei grosse Spitalunternehmen, zwei Eigentümer, zwei politische Systeme – in einem Gesundheitsraum, in dem Patienten und Personal die Kantonsgrenze täglich ignorieren.
Jetzt kommt die Rechnung.
Die Baselbieter Regierung will Liestal und Bruderholz – unter dem Druck der politischen Stimmungslage – weiterführen und dafür in den kommenden Jahren massiv investieren.
Doch bereits bei der Finanzierung wackelt das Konstrukt.
Das Modell setzt voraus, dass das KSBL künftig Margen erreicht, mit denen es einen wesentlichen Teil seiner Investitionen selbst finanzieren kann. 2025 lag seine EBITDA-Marge bei 5,3 Prozent.
Für Schweizer Akutspitäler gilt eine Marge von rund zehn Prozent als Grössenordnung, wenn sie ihre Investitionen langfristig selbst finanzieren sollen.
Aber woher kommt diese Marge?
Über höhere Erträge – also letztlich über Prämien, Steuern und Patienten – oder über massive Effizienzgewinne.
Damit wird sichtbar, was in solchen Debatten gerne ausgeblendet wird: Tarifpolitik ist immer auch Investitionspolitik.
Wenn die Tarife keine ausreichende Marge zulassen, fehlt später das Geld für Gebäude, Anlagen und neue Versorgungskapazitäten. Dann muss jemand anderes zahlen – der Staat.
Erreicht das KSBL diese Marge nicht, verschwindet die Finanzierungslücke nicht. Sie wandert einfach zum Kanton.
Wohlverstanden: Wir reden hier nur von einem Sektor des Gesundheitswesens. Die steigenden Kosten von Pflegeheimen, Altersbetreuung, Spitex und weiteren Versorgungsbereichen kommen noch dazu.
Das KSBL ist also nur eine Position auf einer Rechnung, die dem Kanton in den nächsten Jahren davonzulaufen droht.
Und aus einer Spitalvorlage kann plötzlich eine Grundsatzdebatte über die Schuldenbremse werden.
Weil im Grunde alle überfordert sind, verlegt man sich aufs Durchwursteln.
Die Gesundheitskommission fühlt sich zu wenig einbezogen und entdeckt ihre Gestaltungslust. Die einen wollen nur noch einen Standort, andere nochmals mit Basel-Stadt verhandeln.
Die SVP entdeckt das Kostenargument, nachdem ihre bevorzugte Ein-Standort-Lösung innerhalb der eigenen Reihen nicht durchdringt. Die FDP sucht noch nach einer Linie.
Das ist keine geschlossene Opposition gegen die Regierungsvorlage. Es ist eine Ansammlung unterschiedlicher Interessen, die sich zum selben Resultat summieren können: Rückweisung, Verzögerung, Moratorium.
Meine Prognose: Der Landrat wird die Vorlage am Ende trotzdem verabschieden. Dann kommt das Referendum. Und das Volk sagt Nein.
Baselland hätte damit sein Moratorium – nicht weil Regierung und Parlament eines beschlossen hätten, sondern weil sie keinen tragfähigen Entscheid zustande gebracht haben.
Nur: Ein Moratorium wäre kein Stillstand.
Während das Baselbiet weiter über Spitalstandorte diskutiert, verändert sich die Medizin. Ambulante Eingriffe nehmen zu. Gesundheitszentren und Ambulatorien rücken näher zu den Patienten.
Hospital-at-Home, hybride Versorgungsmodelle und private 24/7-Pflegebetreuung zu Hause entstehen.
KI verändert Diagnostik und Prozesse, Robotik die Chirurgie. Gleichzeitig entscheiden Patienten und Fachkräfte jeden Tag neu, welches Spital attraktiv ist.
Das System wartet nicht auf den Landrat.
Ein unterinvestiertes KSBL könnte deshalb schleichend Marktanteile an das Universitätsspital Basel verlieren. Basel-Stadt bekäme damit auf einem Umweg jenes zusätzliche Einzugsgebiet, das es für sein grosses Zentrumsspital benötigt – ohne Fusion, ohne gemeinsame Eigentümerschaft und ohne Verantwortung für das Baselbieter Spital.
Während die Politik versucht, die Zukunft mit einer Milliarde Franken Spitalbeton festzuschreiben, könnte ihr eigenes Unvermögen den Strukturwandel beschleunigen.
Manchmal ist Staatsversagen effizienter als Staatswille.