
Ich schaue ab und zu bei OnlineReports vorbei. Früher war für mich als Kommunikationsberater der tägliche Besuch Pflicht. Denn Peter Knechtli stand für einen Kontrapunkt.
Man musste wissen, was OnlineReports schrieb. Manchmal war auch ein Primeur darunter, wobei Knechtlis Stolz auf solche Erfolge mit der Zeit etwas altbacken wirkte.
Peter Knechtli hatte nicht bloss ein Medium gegründet. Er war dieses Medium. Man kannte seine Obsessionen, seine Skepsis gegenüber Konzernen, Behörden und Mächtigen, seinen Sinn für «Geschichten» und seine Lust am zugespitzten Kommentar.
Ein 68er halt.
Seine Nachfolger Alessandra Paone und Jan Amsler haben OnlineReports als Unternehmen erhalten. Sie recherchieren selbst, decken Geschichten auf und arbeiten professionell.
Daran besteht kein Zweifel.
Doch fast jeder ihrer Beiträge könnte ebenso gut in der BaZ stehen. Dort, wo beide journalistisch sozialisiert wurden. Den Texten haftet nichts an, was sie unverwechselbar zu OnlineReports macht.
Das Medium hat zwei Chefredaktoren, aber keinen erkennbaren publizistischen Kopf.
Seit geraumer Zeit frage ich mich deshalb, wofür OnlineReports heute steht. Und wie es weitergehen soll. Mir scheint, die Aufbruchstimmung von 2023 sei verpufft.
Haltung, pointierte Meinungen und harte Interviews liefern inzwischen die beiden Konkurrenzmedien Bajour und Prime News. Bajour urban-links, Prime News bürgerlich-rechts – und OnlineReports irgendwo dazwischen: BaZ-mittig?
OnlineReports nennt auf seiner Website aktuellere Zahlen als Wikipedia, wo undatierte Jahreswerte von 920’000 Visits und 2,1 Millionen Seitenaufrufen stehen. Im Jahr 2024 seien monatlich mehr als 21’500 Nutzer und durchschnittlich 72’000 Seitenaufrufe registriert worden.
Das entspricht rund 2400 Seitenaufrufen pro Tag und 3,35 aufgerufenen Seiten je Monatsnutzer.
Inzwischen habe ich einige Erfahrungen mit unterschiedlichen Messsystemen gesammelt und die Logdaten von arlesheimreloaded intensiv analysiert. Deshalb weiss ich: «Visits» und «Nutzer» sind eben nicht die «Leser» der guten alten Printzeit.
Welches Messsystem verwendet wurde, wie Bots herausgefiltert wurden und wie viele Nutzer tatsächlich aus der Region Basel stammen, legt OnlineReports nicht offen. Aufgrund meiner Erfahrungen mit den Logdaten von arlesheimreloaded vermute ich, dass die tägliche regionale Leserschaft deutlich kleiner ist – möglicherweise einige hundert bis eine niedrige vierstellige Zahl.
Belegen lässt sich das ohne Einblick in die Rohdaten allerdings nicht.
Das Internet ist inzwischen ein Dschungel. Die vergleichsweise übersichtlichen Reichweitenregeln der Printzeit gelten nicht mehr – und auch die Unique Visitors der Onlinepionierzeit haben ihre Aussagekraft verloren.
Logaholic wies für arlesheimreloaded im vergangenen Jahr rund 680’000 Visits aus. Um diese Zahl einzuordnen, analysierten wir jene Zugriffe, die das System als «neue Besucher» klassifiziert hatte – also einen bereits um erkennbare Suchmaschinen und Bots bereinigten Rest.
Selbst darin fanden sich zahlreiche Zugriffe aus Cloud- und KI-Systemen, Scanner sowie andere automatisierte Besucher. Darunter befanden sich auch Bots, die das Messsystem für Menschen hielt, weil sie alle technischen Merkmale gewöhnlicher Besucher aufwiesen.
Beschränkt man die Auswertung auf mutmasslich menschliche Zugriffe aus der Schweiz und gleicht sie mit einem zweiten Messsystem ab, bleiben täglich noch einige hundert Besuche.
Immerhin.
Bei OnlineReports kommt ein zweites Problem hinzu: Die veröffentlichten Zahlen stammen aus dem Jahr 2024 und betreffen damit noch die alte Website. Seit dem Relaunch im April 2025 hat das Medium offenbar keine aktualisierten Reichweitenangaben mehr publiziert.
Wie viele Menschen OnlineReports heute tatsächlich lesen, weiss man nicht.
Für ein werbefinanziertes Onlinemedium ist das erstaunlich. Wer gegenüber Werbekunden mit einem «hochwertigen Stammpublikum» wirbt, müsste eigentlich zeigen können, wie gross dieses Publikum ist, wo es lebt und wie es gemessen wurde.
Interessant ist deshalb der Vergleich mit Bajour.
Dessen werktägliches Basel Briefing wird nach eigenen Angaben an mehr als 15’000 Newsletter-Adressen verschickt und erzielt eine Öffnungsrate von rund 60 Prozent. Das wären etwa 9000 Öffnungen pro Ausgabe. OnlineReports nennt demgegenüber rund 2000 Newsletter-Adressen.
Nicht viel gesprächiger ist Prime News.
Die jüngsten öffentlich zugänglichen Reichweitenzahlen auf dessen Website stammen aus dem Jahr 2022. Für einen Erhebungsmonat wurden 53’000 Unique Clients, 81’896 Sitzungen und 158’758 Seitenaufrufe ausgewiesen.
Umgerechnet sind das pro Client 1,55 Sitzungen und drei aufgerufene Seiten im ganzen Monat.
Das deutet auf eine relativ flüchtige Nutzung hin: Der rechnerische Durchschnittsclient kam ungefähr anderthalbmal vorbei und betrachtete insgesamt drei Seiten. Darin liegt das Grundproblem der Bezahlschranken-Medien: Wer kein Abo hat, kommt, sieht nichts – und geht wieder.
Bei Prime News wäre ohnehin eine andere Zahl entscheidend: die Zahl der zahlenden Abonnenten. Denn bei einem Bezahlschranken-Medium sagen Unique Clients wenig über die wirtschaftlich relevante Stammleserschaft aus.
Wie viele Abonnenten Prime News hat, wird jedoch nicht offengelegt.
Wären es 10’000 (theoretischer Bruttoerlös von knapp 600’000 Franken jährlich), wäre das für ein regionales Onlinemedium eine Sensation. Gerade deshalb darf man vermuten, dass es deutlich weniger sind.
Lässt sich aus all dem schliessen, dass OnlineReports am Abgrund steht, Prime News irgendwie durchhält und Bajour inzwischen über den stärksten publizistischen Resonanzraum verfügt?
Nein. Dafür geben die Zahlen zu wenig her.
Aber sie zeigen etwas anderes: Bajour hat ein klar umrissenes Produkt, eine erkennbare Haltung und einen direkten Zugang zu einem grossen, überwiegend regionalen Publikum.
Prime News besitzt ebenfalls ein publizistisches Profil, auch wenn seine veröffentlichten Reichweitenzahlen hoffnungslos veraltet sind.
OnlineReports dagegen hat seine publizistische Unverwechselbarkeit verloren.
Das ist möglicherweise gefährlicher als eine schwache Reichweite. Denn Reichweite lässt sich aufbauen. Einen Grund, weshalb man ausgerechnet dieses Medium lesen soll, muss man erst einmal haben.
Daniel Flury meint
Diese Stadt gibt halt nicht viel her.
Ausser Sauglattismen, Beizer-Wechseln oder einem Pflanzen-Trog an der falschen Stelle.
Typisch: Nach der Fasnacht ist vor der Fasnacht.
Und zwischendurch? Siehe Satz vorher.
Christoph Gass meint
Interessante Analyse. Als Stadtbasler fragt man sich unweigerlich, welche Medien bürgerlich denkende Kreise in Basel (so es sie überhaupt noch gibt) konsumieren. BaZ/BZ? Evtl. aus Nostalgie (oder anderen Gründen) noch als Print? Wobei man die BaZ aus der Tamedia Grossküche nur noch mit sehr viel Goodwill als bürgerlich-liberal bezeichnen kann. Vielleicht konsumieren Bürgerliche in Basel gar keine Medien mehr? Oder nur noch Arlesheim Reloaded …
unterbaselbieter meint
Online-Reports: Dort herrscht totenstille. Manchmal 2 Tage keine Bewegung. Keine neuen Nachrichten. Nach 2 Tagen immer noch der gleiche Aufmacher. Und über das Week-End geht nichts. Oder dann neulich eine abgestandene Serie über das abgestandene Thema „Seveso“. Über Tage, Wochen nur das Thema „Seveso“. Was soll das? Da läuft auf MM noch mehr. Ich denke oft von was leben die. Und wer liest das. Braver als brav – ruhe und keine Relevanz.
Ich empfinde eine Stimmung wie im Vorhof zum Hörnli dort. Die 2 sind nett, aber da ist ja mein 20 jähriger Kater „Paule“ noch bissiger…. Geht es nur mir so?….
gotte meint
nein, geht mir auch so. gefühlt hat sich der besuch früher jeden tag gelohnt, weil immer 2-3 neue meldungen. jetzt effektiv manchmal taglang nix.
Walter Basler meint
Ob Onlinereports jetzt diesen Beitrag im „Rückspiegel“ auflistet? Die sind ja sonst sehr akribisch und registrieren ganz stolz, wenn sie in einem anderen Medium erwähnt werden …