
Herr Somm vollführt in der «SonntagsZeitung» eine bemerkenswerte Volte.
Noch zwei Tage zuvor hatte er im «Nebelspalter» getitelt: «Die Neutralitätsinitiative wird scheitern. Zu Recht.» Nun benutzt er General Guisan als Trittbrett für eine Ehrenrettung der bewaffneten Neutralität.
Dabei versteigt sich Somm zur abstrusen These, Guisan habe im Zweiten Weltkrieg die Neutralität der Schweiz gerettet, indem er sie brach.
Gemeint ist Plan H, eine geheime operative Vereinbarung mit Frankreich, die Guisan ohne Wissen und Beschluss des Gesamtbundesrates vorbereiten liess.
Plan H war kein loses Gedankenspiel. Französische Verbände waren bestimmt, Einsatzräume festgelegt, auf dem Gempen wurden Geschützstellungen nach französischen Massen betoniert.
Zwar hätten die französischen Truppen erst nach einem deutschen Angriff und einem schweizerischen Hilfsgesuch einmarschieren sollen. Doch Guisan hatte damit eine politische Grundentscheidung vorbereitet, die allein dem Bundesrat zustand.
Somm macht daraus den Satz: «Er war auch ein Held der Lüge.»
Das ist die nachträgliche Mythologisierung militärischer Eigenmacht durch den glücklichen Ausgang.
Als die Akten den Deutschen in die Hände fielen, wurde die Schweiz erpressbar. Hitler verfügte nun über den Beweis, dass ihre Neutralität weniger makellos war, als sie behauptete.
Was Somm völlig ausblendet: Im Ersten Weltkrieg hatte die Bundesversammlung einen General gewählt, dessen politische und kulturelle Präferenzen beim Deutschen Reich lagen.
Ulrich Wille war nicht nur militärisch deutschfreundlich. Im Hause Wille wurde Deutsch gesprochen, nicht Dialekt. 1912 durfte er für Kaiser Wilhelm II. im Toggenburg die sogenannten Kaisermanöver organisieren und mit Seiner Majestät fachsimpeln.
Folgerichtig: Im «Säbelrasslerbrief» von 1915 bezeichnete er den Zeitpunkt für einen Kriegseintritt der Schweiz an der Seite Deutschlands als günstig. Und in der Oberstenaffäre deckte er Generalstabsoffiziere, die Deutschland und Österreich-Ungarn nachrichtendienstlich beliefert hatten.
Die Affäre verschärfte den Graben zwischen der Deutschschweiz und der Romandie erheblich.
Dass die Bundesversammlung 1939 mit Henri Guisan einen Romand zum General wählte, lässt sich auch als Reaktion auf das Wille-Trauma lesen. Im Ersten Weltkrieg ein deutschfreundlicher General, im Zweiten ein frankophiler.
Beide Male ging es gut aus. Was aber, wenn nicht?
Die Neutralität hat nicht bloss die Aufgabe, die Schweiz aus fremden Kriegen herauszuhalten.
Denn Neutralität war nie bloss eine aussenpolitische Haltung, sondern auch ein innenpolitisches Ordnungsprinzip. Sie sollte verhindern, dass eine Sprachgemeinschaft die Schweiz in die Konflikte jenes Nachbarlandes hineinzieht, dem sie sich kulturell besonders verbunden fühlt.
Ob diese Funktion im Europa des Jahres 2026 noch dieselbe Bedeutung hat wie 1914 oder 1939, darf bezweifelt werden.
Die beiden Generalsbeispiele zeigen jedenfalls: Das Problem liegt nicht in der Neutralität in Kriegszeiten, sondern in der Machtfülle des Amtes.
Es entsteht, wenn der Schweizer General die Neutralität nach persönlichen Präferenzen auslegt und eine politische Entscheidung an sich zieht, die ihm nicht zusteht.
Somms Heldenmythos verklärt militärische Eigenmacht und verstellt damit den Blick auf den eigentlichen Befund: Die Schweiz ist kein Staat für Mächtige.
Auch nicht für jene, die es sein wollen.