
Wie kompliziert das alltägliche Leben geworden ist, wird einem beim Bestellen eines Caffè Latte freddo bewusst.
«Normale Milch?», fragt mich der Mann an der Kasse. Nach einer offensichtlichen Schrecksekunde weist er sich selbst in die Schranken: «Pardon, was ist schon normal? Ich meinte Kuhmilch.»
Richtig, nichts ist mehr normal.
Dabei bedeutete «normal» ursprünglich weder «häufig» noch «gesund» noch «durchschnittlich». Es bedeutete schlicht: nach dem Winkelmass gemacht, rechtwinklig.
Die weiteren Bedeutungen kamen erst später hinzu.
Sprache, Schule, Verwaltung, Armee und schliesslich die Industrie wurden normiert. Die entstehenden Zentralstaaten setzten gesellschaftliche Normen systematisch durch – als Herrschaftsinstrument, positiv gesehen aber auch in der Absicht, das Zusammenleben für alle berechenbarer zu machen.
Folgerichtig wurde im 19. Jahrhundert der Durchschnittsmensch erfunden – eine fiktive Grösse, gewonnen aus statistisch erfassten Menschen. Körpergrösse, Gewicht, Gesundheit, Intelligenz und Verhalten wurden vermessen.
Aus den vielen Einzelnen wurde ein Durchschnitt. Und aus dem Durchschnitt die Norm.
1961 erschien Michel Foucaults Studie, die auf Deutsch «Wahnsinn und Gesellschaft» heisst. Darin untersuchte er, wie Gesellschaften die Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn ziehen und die Abweichenden aussondern.
In «Überwachen und Strafen» von 1975 weitete er diesen Gedanken aus. Moderne Macht verbietet und bestraft nicht bloss. Sie misst, vergleicht, klassifiziert, therapiert und verbessert. Schule, Klinik, Kaserne, Gefängnis und Fabrik bestimmen zunächst eine Norm und behandeln anschliessend die Abweichung.
Für die Post-68er wurde Foucault zu einer intellektuellen Leitfigur. Auch ich las ihn begeistert.
Denn wir verabscheuten den normalen Menschen: sozial, psychisch und moralisch angepasst – und in seinem Verhalten für die Gesellschaft berechenbar.
Den Menschen, der nicht aufbegehrte, sondern funktionierte.
Was die Bestellung eines Caffè Latte freddo zeigt, ist nicht das Ende des Normalen, sondern eine Momentaufnahme seines Wandels.
Das Normale ist noch immer vorhanden. Es bestimmt noch immer unser Zusammenleben und bleibt eine gesellschaftliche Grösse.
Verändert hat sich seine Bandbreite. Sojamilch im Caffè Latte, ob freddo oder caldo, ist inzwischen völlig normal geworden.
Kuhmilch ist es geblieben. Nur ist es nicht mehr selbstverständlich, dass allein sie normal ist.
Walter Basler meint
Geht der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren – oder ist das nur ganz normaler (sic!) sozialer Wandel? Vielleicht ist irgendann Sojamilch überall das Normale und Kuhmilch die Ausnahme, und alle leben ganz gut damit.
Baresi meint
Nie war der Mensch berechenbarer als heute, egal welche Milch er trinkt (sofern sie noch Milch heissen darf). Zumindest, wenn er digital unterwegs ist und keine Vorkehrungen trifft.
Daniel Flury meint
Normal (umgangssprachlich)?
Zum Beispiel auf der Stelle galoppieren.
Man nennt das Politik.
unterbaselbieter meint
Diese versch. Kaffees die es da gibt – das beste Geschäft…. Sauteuer und der Warenwert mal bei 70 / 80 Rappen. Sagte mir ein Gastronom.
Neulich im Gundeli im Hip-Cafe: Ich – mit normaler Milch. Sie – mit „Kuuuumilch?“ – Diese arrogante Frage. Und dieser Blick. Habe ich ein Verbrechen gemacht, wenn nicht alles vegan ist? Arme Kühe – und ich bin ihr Milch-Ausbeuter. Und dann eben der Preis…..
Da geh ich lieber in den Jura – sage „un Café“ und alles ist klar. So simpel. So angenehm. So gut. Und der Preis liegt für Bohnenkaffee in Porzellantasse im Restaurant dort noch bei 3.80 Fr.
Diese Super-Hipster-Expats-Eng-Schmutzig-Teuer-Stadt-Cafes können mich mal…..