
Im Moment komme ich nicht zum Schreiben. Ich bin von einem früheren Kunden kurzfristig reaktiviert worden.
Was bedeutet, dass ich KI – offen deklariert – nun erstmals in einem beruflichen Umfeld einsetzen und testen kann.
Es ist die übliche PR-Arbeit: zunächst Hintergrundinformationen zusammentragen, auswerten und ordnen, Recherchen durchführen, Statistiken konsultieren, den politischen Kontext herstellen, die gesetzliche Lage und Verordnungen einbeziehen, Interessenlagen berücksichtigen und das Ganze logisch einordnen.
Dann Handlungsszenarien entwickeln.
Die Grundlagen dafür zu erarbeiten, war bis anhin sehr zeitintensiv. Und sie setzt noch immer einiges an politischem, wirtschaftlichem, branchenspezifischem und legislativem Wissen voraus – zusätzlich zur Fähigkeit, den ganzen Stoff in verständliche Texte zu übersetzen.
Und bei all dem Wust an Informationen schliesslich die entscheidende Frage zu beantworten:
Where is the beef?
Wer längere Zeit aus einem Berufsfeld draussen war – bei mir waren es allerdings lediglich drei Jahre –, musste früher damit rechnen, dass Methoden, Instrumente und Kommunikationsrhythmen einen Teil seiner Erfahrung entwertet hatten.
Mit den Jahren entstand ein Zeitgraben. Nicht zwingend beim Denken, sondern bei Werkzeugen, Abläufen, Plattformen, Rechercheformen und Kommunikationsgeschwindigkeiten.
Jüngere Berufsleute waren näher an der aktuellen Produktionslogik. Erfahrung blieb wertvoll, musste aber gegen einen zunehmenden operativen Abstand ankämpfen.
Genau dieser Abstand schrumpft mit KI dramatisch.
Wer eine Branche, ihre Mechanismen und vor allem Menschen, Interessen und Machtverhältnisse über Jahrzehnte verstanden hat, kann plötzlich wieder mit der Geschwindigkeit aktueller Teams arbeiten – teilweise sogar schneller, weil er weniger Umwege macht.
Der Vorteil verschiebt sich damit zurück zum Urteil. Und dort wirkt Erfahrung kumulativ.
Ich verfüge über etwas, das viele heute Aktive naturgemäss noch nicht haben können: vierzig Jahre verdichtete Mustererkennung – verbunden mit der heutigen Produktionsgeschwindigkeit.
Das ist eine neue Kombination.
Und deshalb könnte das, was ich in den vergangenen Tagen erlebt habe, weit über meinen persönlichen Fall hinausweisen.
Die grosse Arbeitsmarktgeschichte der KI wird vielleicht nicht nur lauten:
Was geschieht mit den Jungen, deren Einstiegsarbeiten automatisiert werden?
Sondern ebenso:
Was geschieht, wenn eine ganze Generation hoch erfahrener Leute plötzlich wieder voll produktiv konkurrenzfähig wird?
PS: Mit 20 bewunderte ich Henry Miller auch deshalb, weil er für seinen Beruf nicht mehr brauchte als eine Schreibmaschine und Papier. Ich wurde dann ja auch Journalist. Heute kehrt dieses Modell des unabhängigen Einzelnen auf einer neuen technologischen Stufe zurück. Nur dass die Schreibmaschine inzwischen zurückdenkt.
angrymonk meint
Dann muss diese Generation aber auch ähnlich geschickt mit der KI umgehen können wie der Autor.
O.Heim meint
Eben durch die Grenzacherstrasse gefahren: Wer arbeitet in fünf, zehn Jahren noch in diesen Herzog-Türmen, wo die Bürokratie haust? LLM-bedingt gefragt.
Und Abschied vom zeitlosen Salvisberg-Bau genommen. Was für Banausen dort hausen – ausgerechnet der muss weg!!
Klaus Kirchmayr meint
Langjährige Erfahrung (über mehrere Zyklen) wird zum Asset – Unerfahrenheit zum Stigma.