
Ryf oder Stückelberger: In Hearings bestimmen die Bürgerlichen ihren Ständeratskandidaten – doch entscheiden wird die SVP, die selbst nicht antritt. Und wer der Richtige ist, hängt an der Gegnerin: Maya Graf verlangt einen anderen Typ als Samira Marti.
Die drei bürgerlichen Parteien FDP, Mitte und SVP haben vereinbart, sich auf einen gemeinsamen Kandidaten für den Ständeratswahlkampf des nächsten Jahres zu einigen.
Heute Montag findet das zweite Hearing statt – nach Pascal Ryf nun mit Balz Stückelberger. Ob es noch weitere Kandidaten gibt oder gar eine Kandidatin, ist nicht bekannt und wenig wahrscheinlich.
Ryf und Stückelberger sind die beiden Spitzenmänner.
Wenn man davon ausgeht, dass die beiden Kandidatenparteien jeweils ihren Mann unterstützen, ist die Ausgangslage klar: Die SVP entscheidet, wen die Bürgerlichen ins Rennen schicken.
Stand heute: gegen Maya Graf – und, falls diese nicht mehr antritt, gegen ihre gesetzte SP-Nachfolgerin Samira Marti.
Um ein faktenbasiertes Bild zu erhalten, habe ich mit Claude in mehreren Arbeitsschritten die Landratsdatenbank ausgewertet: das vollständige Abstimmungsverhalten der beiden Kandidaten von 2018 bis 2026, kodiert auf den acht smartvote-Achsen und mit Medienberichten verglichen.

Was Pascal Ryf anbelangt, bestätigt das Ergebnis seine Selbstverortung («In Deutschland wäre ich ein typischer CSU-Politiker») fast lehrbuchartig: ein CSU-Profil – kommunitaristisch-bürgerlich, wertkonservativ mit sozialem und familienpolitischem Einschlag, wirtschaftsfreundlich, aber kein Freisinniger.
Balz Stückelberger verortet sich selbst als «echt liberal» und verweist darauf, dass ihn smartvote seinerzeit als liberalsten BL-Nationalratskandidaten auswies – in Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen.
Innerhalb der FDP steht er für den Mitte-Flügel (im Gegensatz zum rechten Buser, gegen den er 2015 die Ständeratsnomination verlor). Seine Vorstösse sind ein Arbeitgeber- und Deregulierungsprogramm: erleichterte Arbeitszeiterfassung, mobiles Arbeiten, Taxigesetz-Liberalisierung, Streichung des 1. Mai als Feiertag, Legalisierung des Strassenmagazins «Surprise», Biken im Wald, Uptown Basel, Quantum Computing, Open Government Data.
Die beiden sind auf der sozioökonomischen Diagonale fast spiegelbildlich: Ryf die warme, ausgabenfreundliche, wertkonservative Mitte; Stückelberger der kühle, fiskalstrenge, gesellschaftsliberale Freisinn.
Was bedeutet: Die beiden unterscheiden sich nicht darin, ob sie das bürgerliche Lager mobilisieren – das täten beide –, sondern darin, wie weit sie ins gegnerische reichen.
Ryf zieht Stimmen aus dem SP- und Grün-nahen Reservoir, die sonst Graf holt; Stückelberger nicht.
Gegen Graf ist das entscheidend, denn sie lässt sich nicht in eine Ecke drängen: Als überparteiliche Figur bindet sie konstant auch urbane Bürgerliche. Wer ihr Stimmen abnehmen will, muss in genau dieses urban-bürgerliche Überlappungsfeld reichen – und das kann nur Ryf.
Gegen Marti kehrt sich die Logik. Sie ist am linken Rand angreifbar; die Bürgerlichen rechnen sich aus, sie in die Juso-Ecke drängen zu können. Dann ist nicht Reichweite gefragt, sondern Kontrast – und der eindeutige Freisinnige Stückelberger ist die schärfere Klinge, während Ryfs Sozialwärme den Gegensatz gerade verwischen würde.
Die Kandidatenfrage ist damit keine Präferenz-, sondern eine Szenariofrage: gegen Graf der Brückenbauer, gegen Marti der Polarisierer.
Der bürgerliche Ständeratsangriff hat damit kein Kandidaten-, sondern ein Koalitionsproblem: Sein bester Reichweiten-Kandidat und sein bester Kontrast-Kandidat sind nicht ein und dieselbe Person – und ihre Wählerschaften überlappen kaum.
Dabei spräche die ideologische Nähe zur SVP für Ryf.
Auf den Achsen, die SVP-Identität ausmachen – Migration, Law & Order, EU-Souveränität, kulturelle Fragen –, liegt Ryf näher an der SVP als der FDP-Kandidat. Bei der EU-Verfassungsinitiative «Zämme in Europa» stützte Ryf den Abschwächungsantrag der SVP-Fraktion und lehnte die Vorlage in der Schlussabstimmung ab, während Stückelberger beides gegenteilig hielt (Landrat BL, Geschäft 2025/84, Abstimmungen vom 13.11.2025).
Stückelbergers Profil ist wirtschaftsliberal-kosmopolitisch – für die SVP historisch das Reizprofil des Freisinns: elitär, liberal, weltoffen.
Warum dieses Argument trotzdem nicht entscheidet: Der Sitz ist 2027 nicht gewinnbar.
Wenn meine These stimmt, dass er strukturell bis rund 2039 links bleibt, dann wählt die SVP hier keinen künftigen Amtsträger, sondern verteilt eine Gefälligkeit ohne Eigenkosten.
Einen ähnlichen Modus kennt man von der Eigenmann-Wahl.
Zwar stellte die SVP mit Caroline Mall im ersten Wahlgang eine eigene Kandidatin – und gefährdete damit sogar die bürgerliche Mehrheit. Doch nachdem Mall abgeschlagen Dritte geworden war, zog sie sich zurück, und die SVP-Stimmen verhalfen dem Freisinnigen Markus Eigenmann zum Sitz.
Dass dieser Support keine Selbstverständlichkeit ist, hatte Riebli schon bei der Nomination klargemacht: Die SVP sei «kein Steigbügelhalter für die FDP». Nach dem zweiten Wahlgang betonte er dann, die Volkspartei habe ihren Job getan – grosse Teile der Basis seien dem Aufruf der Spitze gefolgt und hätten Eigenmann gewählt (baz).
So kauft sich die SVP Dankbarkeit und Verhandlungsmasse – nicht Politik.
Denn sollte es erneut zu einer Listenverbindung FDP/SVP für die Nationalratswahlen 2027 kommen, ist Stückelberger der Kandidat, den die SVP logischerweise stützt – und nicht der ihr ideologisch nähere Ryf.
Die Mitte hat der SVP nichts Gleichwertiges zu bieten – im Proporz dockt sie traditionell bei GLP und EVP an, nicht bei der SVP.
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Die Kandidaten
Pascal Ryf (Die Mitte), Jahrgang 1979, Oberwil, Historiker und Bildungsunternehmer, seit 2015 Landrat und heute Fraktionspräsident und Vizepräsident der Mitte BL. dazu Gemeinderat in Oberwil. 2023 mit den meisten parteifremden Stimmen aller Gewählten («Panaschierkönig»), verortet er sich selbst als «typischen CSU-Politiker».
Balz Stückelberger (FDP), Jahrgang 1972, Arlesheim, Jurist und Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands der Banken, von 2011 bis 2026 Landrat und heute FDP-Vizepräsident Baselland. Er gilt als Vertreter des Mitte-Flügels seiner Partei, unterlag 2015 bei der Ständeratsnomination Christoph Buser und bezeichnet sich als «echt liberal».
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Zur Methode – und was KI hier geleistet hat: Die beiden Grafiken beruhen nicht auf offiziellen smartvote-Daten, sondern auf einer eigenen Auswertung des namentlichen Abstimmungsverhaltens beider Kandidaten im Landrat zwischen 2018 und 2026 (Quelle: Geschäftsdatenbank des Landrats Basel-Landschaft).
Einzelne Voten wurden den acht etablierten smartvote-Achsen zugeordnet und zu einem Profilwert verdichtet. Die Werte sind demnach eine begründete Einordnung, kein Messergebnis – aussagekräftig ist die Richtung (wer auf welcher Achse stärker ausschlägt), nicht die einzelne Zahl.
Erstellt wurde die Auswertung mit meinem Analyse-Setup auf Basis des KI-Modells Claude– kein blosser Textauftrag, sondern eine systematische Auswertung mehrerer Jahrgänge an Abstimmungsdaten – und von mir anschliessend an Quellen und Medienberichten verglichen.