
Ich verstehe nichts von Fussball. Ich kann das Spiel nicht lesen – wer wann wohin läuft, welche Räume sich öffnen, welcher Pass die Lücke findet, die ich gar nicht sehe.
Das erklärt mir Christian Streich im ZDF.
Was ich sehe, sind 22 Männer, die athletische, manchmal akrobatische Höchstleistungen erbringen.
Jahrzehntelang war es immer dasselbe Ritual. Riesiges Medientheater vor dem Turnier. Hoffnungen, Expertenanalysen, kurz vor Anpfiff liegt ein Titel drin, zumindest eine Sensation. Dann fliegt die Schweiz sang- und klanglos raus.
So wie diesmal Deutschland, im Sechzehntelfinal.
Ich sass vor dem Fernseher, in der sicheren Annahme, Kolumbien werde das Ding machen, so wie es aussieht, sich mit einem 1:0 noch kurz vor Schluss retten. Am Ende des Spiels war es anders.
Noch während die erste Halbzeit lief, habe ich verstanden, wovon dieses Spiel in Vancouver erzählt.
Von einer Schweiz, wie sie ist.
Was der Schweizer Mannschaft fehlt, ist ein Star. Kein Ronaldo, kein Messi, kein Mbappé, kein Kane – kein Ausnahmekönner, der im Alleingang den Unterschied macht. Stattdessen vier, fünf Ausnahmefussballer, die erst im Zusammenspiel mit den anderen zur Ausnahme werden.
Das ist geltendes schweizerisches Prinzip: Niemand darf grösser werden als das System. Fällt Manzambi – von dem ich zuvor noch nie gehört habe -, fällt also der aus, der eigentliche Unterschiedsspieler dieses Turniers, bricht, wie wir gesehen haben, nichts zusammen. Ein anderer füllt die Lücke.
Hätte ich auch nicht gedacht.
Federer widerlegt diese These nur scheinbar. Die Schweiz hat ihn verehrt wie kaum einen zweiten. Aber sie verehrte ihn, weil er, der Ausnahmekönner, in der Verpackung des braven Bürgers auftrat. Man entzog ihm die Liebe, als er in den Club der Milliardäre aufstieg.
Die Schweiz verzeiht Exzellenz. Sie verzeiht kein Kokettieren mit Exzellenz. Shaqiri scheiterte nicht an seinem Talent. Er scheiterte daran, dass er damit hausierte.
Das ist Mentalität, keine Fussballfrage.
Ein Land ohne Staatschef, ohne Präsidenten mit unbeschränkter Macht, stattdessen mit einem Amt, das jährlich rotiert – dessen Inhaber am Jahresende wieder einer unter sieben ist. Konkordanz statt Mehrheit. Das Referendum als eingebauter Reflex gegen jeden, der zu gross wird, bevor er es werden kann.
Die Schweiz hat sich historisch so eingerichtet, dass Macht nie ein Gesicht bekommt.
Yakins Team beweist ohne Absicht, was Jahrhunderte politischer Architektur bewirken. Kein Star als Erlöser, kein Trainer als Übervater. Ein Kollektiv, das funktioniert, weil es niemanden braucht, der es rettet – und das gerade deshalb gerettet wird, von dem, der gerade an der Reihe ist.
Das ist keine Bescheidenheit. Das ist eine hochentwickelte Form von Kontrolle: Wer keine Helden zulässt, muss auch keine stürzen.
Am Sonntag trifft dieses System auf Argentinien, das Land der Heldenverehrung schlechthin, geführt von einem Mann, den man dort fast wie einen Staatsgründer behandelt.
Die Frage lautet also: Ist ein System, das keine Stars zulässt, am Ende stärker als eines, das auf den einen wartet, der alles entscheidet?