Lese gerade Peter Sloterdijks *Der Fürst und seine Erben*. Er streift darin den Unterschied zwischen ererbter und errungener Macht.
Die eine bezieht ihre Legitimität aus Institutionen, Tradition oder – folkloristisch – von Gott. Die andere muss sich selbst legitimieren.
Grossbritannien hat einen neuen Premier. Ein gewisser Herr Burnham aus Manchester soll es diesmal richten.
Er verspricht, dass von nun an alles anders werde. Ein Ruck müsse durchs Land gehen. Er spricht vom «Wendepunkt», von den «grössten Veränderungen der letzten 40 Jahre», von einem «Zehnjahresplan».
Selbstvergewissernde Ankündigungsrhetorik vor der Tür zu Nummer 10. Ohne Manuskript.
Wer ohne persönliche Wahllegitimation durchs Volk ins Amt gelangt, muss sich selbst Bedeutung verleihen. Oder, um Sloterdijk sinngemäss zu folgen: Je dünner das Mandat, desto lauter die Sendungsrhetorik.
In wenigen Tagen wird auch er von den harten Fakten der britischen Misere eingeholt.
Enttäuschung ist systemimmanent.
Das schweizerische Bundesratssystem funktioniert anders.
Ein Bundesrat braucht keine Autosuggestion. Das Verfahren, das ihn hervorbringt, ist älter und stärker als seine Person. Nicht er trägt das Amt, sondern das Amt trägt ihn.
Darum ist Enttäuschung nicht der Normalfall.
Der Wesenskern des Systems ist vielmehr die Überraschung. Die Überraschung darüber, dass einer gelegentlich trotzdem etwas zustande bringt.