Angefangen hat das Ganze vor zwei Wochen. Ich wollte die in diesem Jahr deutlich gestiegenen Visit-Zahlen einordnen können. Ich hatte nämlich meine Zweifel an dem, was ich sah: Während der Spanien-Serie stiegen die Besucherzahlen kontinuierlich auf bis zu 18’000 täglich, und auch an normalen Tagen liegen sie immerhin bei rund 3000.
Die Antwort von Botschafter Borer auf einen Beitrag sorgte gar für über 4000 Besuche.
Was tut man in einer solchen Situation? Man setzt einen Analyse-Prompt auf.
Nur: Wie formuliert man einen Analyse-Prompt, wenn man erstens gar nicht weiss, was man eigentlich wissen will – die Qualität der Antworten hängt schliesslich von der Qualität der Fragen ab – und zweitens keine Ahnung hat, wie ein solcher Prompt überhaupt aufgebaut sein muss?
Ich klärte zunächst mit Hostpoint ab, was der Besucherzähler überhaupt misst. Parallel diskutierte ich das Problem mit verschiedenen KI-Systemen. Nach einigen Vormittagen und mehreren Testläufen mit Datensätzen von jeweils 10’000 Hostpoint-Einträgen hatte ich zwei Erkenntnisse gewonnen.
Die erste: Mit jeder Analyse sah ich mehr – verstand aber weniger. Jede Antwort führte zu neuen Fragen. Fragen, die mir vorher gar nicht in den Sinn gekommen wären, weil diese verborgene Welt des Netzes ausserhalb der Wahrnehmung der meisten Menschen liegt.
Die zweite Erkenntnis war ernüchternd.
Früher dominierten die Crawler von Google und anderen Suchmaschinen, die Hostpoint zuverlässig herausfiltert. Heute sind Millionen von Bots unterwegs, die sich als Menschen tarnen – und von den Web-Zählsystemen entsprechend auch als Menschen gezählt werden.
Ich richtete deshalb einen zweiten Besucherzähler ein, der laut Hersteller ausschliesslich menschliche Zugriffe erfassen soll.
Dabei zeigte sich, dass täglich Texte von arlesheimreloaded aus einer Serverfarm in China abgegriffen werden. Wofür? Das weiss ich nicht. KI-Training wäre eine Möglichkeit.
Damit war es Sonntag geworden.
Gestern verbrachte ich den grössten Teil des Vormittags damit, Wordfence, ein Sicherheitswerkzeug für WordPress, einzurichten. Bereits nach wenigen Stunden hatte das System sechzehn Login-Versuche aus China, den USA, Vietnam und Indonesien blockiert.
Oder, wie die KI nüchtern erklärte: «klassische Brute-Force- beziehungsweise Credential-Stuffing-Angriffe auf den Administrationszugang – nicht auf die Inhalte der Website, sondern auf ihre Verwaltung.»
Heute Nacht versuchten sie es mit dem Benutzernamen «gotte».
Die KI empfahl dringend, zusätzlich eine Zwei-Faktor-Authentifizierung einzurichten. Mein 25-stelliges Passwort von Proton sei zwar praktisch nicht zu knacken. Sich allein darauf zu verlassen, sei angesichts der heutigen Entwicklung jedoch fahrlässig.
Ich erspare Ihnen die weiteren Details.
Jedenfalls vergingen nochmals drei Stunden, bis alles funktionierte. Zwischendurch erhielt ich beispielsweise Fehlermeldungen an eine längst aufgegebene Hotmail-Adresse. Nach längerem Suchen stellte sich heraus, dass ich Wordfence schon vor Jahren einmal installiert und längst wieder vergessen hatte.
Bei der Neuinstallation war die alte E-Mail-Adresse automatisch übernommen worden.
Heute investierte ich nochmals eine Stunde. Die Zwei-Faktor-Authentifizierung liess sich partout nicht einrichten. Schliesslich stellte sich heraus, dass auf iPad und iPhone die automatische Zeitsynchronisation deaktiviert war. Dadurch verschoben sich die Zeitstempel um wenige Sekunden – genug, damit die Authentifizierung scheiterte.
Ich meine, darauf muss man erst mal kommen.
Künftig muss ich bei jedem Login einen zusätzlichen Code eingeben, bevor ich Beiträge schreiben oder Kommentare freischalten kann.
Der langen Rede kurzer Sinn: Früher bestand Bloggen darin, Texte zu schreiben. Heute gehört dazu, eine kleine private Festung gegen ein unsichtbares Heer aus Scrapern, Bots und automatisierten Angriffen zu bauen.
PS: Wie sich die Visit-Zahlen tatsächlich zusammensetzen, werde ich erst in einigen Wochen beurteilen können, wenn genügend Vergleichsdaten vorliegen.
Inzwischen interessieren mich die nackten Zahlen fast weniger als die Welt, die sich hinter ihnen verbirgt. Dort draussen verändert sich das Internet gerade grundlegend.
Klaus Kirchmayr meint
Die Schweizer Armee hat die Zeichen der Zeit verstanden. Sehr gut. In Kantonen und Gemeinden ist man dagegen noch reichlich naiv unterwegs… https://www.golem.de/news/digitale-souveraenitaet-schweizer-armee-verlaesst-microsoft-2607-210774.html
Firedome meint
Ich weiss aus erster Hand, dass es dort sehr kompetente Leute hat. Das haben auch schon andere gemerkt.
Manfred Messmer meint
Das denke ich auch.
Arlesheimreloadedfan meint
Ich hoffe schwer, das jeder Instruktor , der im Jassbach doziert, mindestens so kompetent wie Sie ist.