
Eigentlich sollte ich mal etwas über die gegenwärtige Hitzewelle schreiben. Denn sie scheint inzwischen klimahistorische Dimensionen anzunehmen.
Die schlimmste Nacht unseres Lebens durchlebten wir im November 2013 in Delhi.
Wir sassen spätabends im Hotelzimmer fest. Ohne Klimaanlage, ohne Komfort, in einem billigen Hotel irgendwo in der Millionenstadt. Draussen knallte es. Auf der Strasse vor dem Hotel. Und überhaupt überall.
Pulverdampf lag in der Luft.
Irgendwann stellte sich eine leise Panik ein. Nicht, weil wir unmittelbar in Gefahr gewesen wären. Sondern weil wir das beklemmende Gefühl hatten, in diesem Zimmer langsam zu ersticken.
Draussen feierten elf Millionen Menschen Diwali, den höchsten Feiertag der Hindus. Das ist weniger besinnliches Innehalten als eine Explosion aus Feuerwerk und Knallkörpern – eine Kombination aus Bundesfeier und Silvester.
Hoch zehn.
Schon an normalen Tagen ist die Luft in Delhi und anderswo schwer zu ertragen. Im Winter werden überall die Felder grossflächig abgebrannt, dazu kommt verbrannter Abfall aus zahllosen Dörfern.
Doch Diwali übertrifft alles.
Was die Panik auslöste, war nicht allein der Smog. Es war die Erkenntnis, dass man ihm nicht entkommen konnte. Die Luft selbst war zum Gefängnis geworden. Es gab keinen Ort in dieser Stadt, an dem man Zuflucht hätte finden können.
Genau dieses bedrückende Gefühl kehrt dieser Tage zurück.
Wer vor die Tür tritt, wird von der Hitze umschlossen. Man kann mehr trinken, leichte Kleidung tragen, langsamer gehen, den Schatten suchen. Doch die Hitze bleibt. Bis tief in die Nacht legt sie sich wie eine Würgeschlange um den Körper.
Es sei denn, man verfügt über eine Klimaanlage.
Gerade entsteht eine neue Form sozialer Ungleichheit. Bisher unterschieden sich Wohnungen nach Lage, Aussicht oder Quadratmetern. Künftig wird eine weitere Frage entscheidend sein: Hält die Wohnung Hitzewellen aus?
Die neue Trennlinie verläuft zwischen Wohnungen, die Schutz vor der Hitze bieten, und solchen, die zur Hitzefalle werden.
In der Schweiz löst die Klimaanlage den Swimmingpool als Wohlstandsmarker ab.
fuertesirius meint
Gehe ich völlig einig. Für mich speziell im Rückblick auf Basel: unklimatisierte kleine Geschäfte in der Innenstadt im Sommer. Gleich fluchtartig verlassen. NB: die Menschen die dieses Wochenende in der Stadt in ihren traditionellen Trachten sich bewegen müssen tun mir jetzt schon leid. Der Halbmarathon in Hamburg wurde ausgesetzt.