
Auf meinen Methusalem-Text hat ein Leser geantwortet. Die Boomer, schreibt er, das seien die mit den guten Pensionen, die am Tattoo die besten Plätze buchen, fünfmal im Jahr Flusskreuzfahrten unternehmen und als angesäuselte Treberwurst-Gruppe SBB-Abteile belegen.
Die anderen, die Gipser und Bauarbeiter, bezögen Ergänzungsleistungen oder seien in ihre Heimatländer geflüchtet. Die seien ruhig. Ganz wie es für die Schweiz gehört.
Der Kommentar ist gut geschrieben. Er ist ein Lehrstück.
Denn er führt vor, wie in diesem Land debattiert wird: Wo immer es einer Mehrheit gut geht, wird ein Härtefall dagegen gehalten, bis die Mehrheit sich schämt. Oder es leid ist.
Halten wir zuerst das Unerhörte fest.
Die heutigen Rentner leben das Leben, das die Gesellschaft inzwischen als Ideal sieht: Müssiggang mit garantiertem Einkommen, ohne Arbeitspflicht. Was als bedingungsloses Grundeinkommen an der Urne krachend scheiterte, gibt es in der Schweiz ab 65 flächendeckend für alle.
Dazu das Wertvollste heutzutage: Zeit.
Ja, es stimmt: Noch nie war eine Rentnergeneration so wohlhabend, so fit, so frei in ihrer Lebensgestaltung.
Das ist kein Skandal.
Das ist der Erfolg eines Systems, das 1948 für ein kurzes Alter gebaut wurde und heute dreissig Rentenjahre finanziert. Und eines Systems, das nicht nur den Staat verpflichtet, sondern auch den Einzelnen zum privaten Rentensparen zwingt.
Nur: Sagen darf man das nicht. Weil: Sofort steht der Bauarbeiter im Raum.
Der Bauarbeiter existiert. Rund jeder achte AHV-Rentner bezieht Ergänzungsleistungen, in Basel-Stadt jeder fünfte. Wer auf dem Bau gearbeitet hat, darf mit 60 in Rente — die Sozialpartner haben das 2003 ausgehandelt, weil der Körper nicht bis 65 hält. Und auch das ist Fakt: Männer mit obligatorischer Schulbildung sterben im Schnitt vier Jahre früher als Akademiker.
Die Gesellschaft altert nicht einfach. Sie altert in Klassen.
Aber jeder achte heisst auch: sieben von acht nicht. Für die Härtefälle gibt es Ergänzungsleistungen, und seit der 13. AHV-Rente einen Zustupf obendrauf. Man kann darüber streiten, ob das reicht. Aber man kann daraus nicht ableiten, die Mehrheit müsse sich für ihre Flusskreuzfahrt entschuldigen.
Wer die Neiddebatte trotzdem führen will, sollte vorher die Mechanik der AHV verstehen: Sie ist die grösste soziale Umverteilungsmaschine des Landes.
Die Beiträge sind unplafoniert, die Rente ist es. Wer eine Million verdient, zahlt auf der ganzen Million — und erhält dieselbe Maximalrente wie der Schreiner mit Durchschnittslohn. Was konkret bedeutet: Die Mehrheit der Versicherten bekommt mehr heraus, als sie je einbezahlt hat.
Bezahlt wird die Differenz von denen mit den guten Pensionen. Zum Beispiel von der Treberwurst-Gruppe im SBB-Abteil.
Ich habe nachgerechnet.
Über fünfzig Beitragsjahre, fünf davon nach der Pensionierung — rentenwirksam war von diesen letzten nichts mehr. Zum Nutzniesser der AHV werde ich, wenn ich gegen hundert werde. Rechnet man die entgangenen Zinsen dazu, nie.
Das System lässt dem Gutverdiener genau einen Weg, seine Beiträge zurückzuholen: Er muss Methusalem werden. Und selbst das reicht nicht.
Nun, die Diskussion kann man führen. Aber sie könnte abgleiten in eine Richtung, die denen nicht gefallen wird, die sie befeuern.
Denn was, wenn die Gutverdiener den Vorwurf eines Tages annehmen?
Für sie hat die AHV-Zahlung am Ersten des Monats ohnehin nicht das Gewicht wie für den Bauarbeiter oder die teilzeitbeschäftigte Kassiererin. Was also, wenn sie sagen: Einverstanden, wir verzichten auf die AHV. Auch beim Lohnabzug. Wenn sie sagen: Wir organisieren unsere Vorsorge überhaupt privat, wahrscheinlich effizienter, und was die Lebensarbeitszeit betrifft, weitaus ehrlicher.
Wenn sie sagen: Behaltet eure Solidarität, wir behalten unser Geld. Dann wäre die AHV tatsächlich am Ende.
Denn ihre eigentliche Leistung besteht darin, dass sie Gipser und Millionäre zwingt, demselben System anzugehören.
Genau deshalb wird sie überleben.
Wer sie mit populistischen Statements über Rentner auf Kreuzfahrtschiffen aus der ersten Säule rausneidet, sägt am Ast, auf dem der Gipser sitzt.
Hans Rudolf Rohr meint
Habe aus Interesse – beruflich begründet – das AHV-Konto eines ehemaligen Top-Verdieners aus der Kundschaft bestellt. Der ist nun Rentner mit einem sehr luxuriösen Leben – und dürfte viele vor Neid erblassen lassen. Fährt Ferrari, geht regelmässig in die Ferien. Malediven, nicht Rhein.
Er hat mehrer Unternehmen besessen, phasenweise 100 Personen beschäftigt- und hat unbegrenzt AHV einbezahlt. Knapp 7 Millionen. Er müsste nun irgendwo 250 Jahre noch leben, damit sich das rechnet. Oder aber er finanziert damit ein ganzes Rudel an Pensionären, die neidisch sind auf seinen Lebensstil. Diese Neidkultur kann schon absurd sein.
Daniel Flury meint
Pierin Vinzenz hat auch AHV einbezahlt.
Und nebenbei noch etwa 13 Millionen auf seinem PK-Konto (unpfändbar).
Alles nur Neid?
Manfred Messmer meint
Ja, weil faktenfrei.
Richtig: Pensionskassengelder geniessen Vorsorgeschutz, solange sie in der Kasse liegen.
Aber: Es waren nicht 13, sondern rund 11 Millionen. Im Prozess kam heraus, dass Vincenz’ Pensionskasse 2019 mit 11,5 Millionen Franken gefüllt war.
Zweitens, gravierender: Das Geld liegt nicht «unpfändbar auf seinem PK-Konto». Es liegt gar nicht mehr in der Pensionskasse. Vincenz entschied sich nach seiner frühzeitigen Pensionierung 2019, das Alterskapital nicht als Rente zu beziehen, sondern sich auszahlen zu lassen  — und genau damit verlor es den Vorsorgeschutz. Als er die elf Millionen herauslöste, Hypotheken ablöste und zwei Millionen an seine Ex-Frau überwies, schlug die Staatsanwaltschaft zu und beschlagnahmte das Geld.
Vinzenz lebt heute von 2200 Franken AHV. Seine einbezahlten Millionen sind vor dem privaten und staatlichen Zugriff sicher. Im Interesse von uns allen.
Arlesheimreloadedfan meint
Wer bei Messmer mitliest ist besser informiert.
Zur Strafe muss ich ja die SRG Fritzen finanzieren, die zur Zeit Nordamerika unsicher machen.
Baresi meint
So wie sich die Mehrheit wegen Härtefällen nicht schämen muss, müssen sich die, die mehr herausbekommen, als sie je einbezahlt haben, nicht mit dem begnügen, was sie bekommen. Und so, wie die Gutverdiener mit dem Ausstieg aus der AHV drohen, können die Geringverdiener von Beginn weg auf die Sozialhilfe und die Ergänzungsleistungen setzen statt auf die persönliche Vorsorge. Beides kann niemand wollen.
unterbaselbieter meint
Die Gutsituierten sind laut im Zugwaggon nach Biel zum Treberwurstfest
Die Armen sind leise und grillen im Stadtpark am Einweggrill
Die Mitte (ich) sind am verschwinden