
Over there, over there,
Send the word, send the word over there —
That the Yanks are coming,
The Yanks are coming …
Wer festmachen will, wann das amerikanische Engagement in Europa begann, findet die Spur im Jahr 1917 – in diesem Lied.
Propaganda, gewiss.
Aber auch Ausdruck eines echten Willens, sich für eine Sache einzusetzen, die als gerecht empfunden wurde. Der entscheidende Satz im Refrain: «We won’t come back till it’s over.»
Inzwischen sind 109 Jahre vergangen.
Dazwischen lag ein weiterer amerikanischer Einsatz, um die erneut aus dem Ruder gelaufenen Dinge in Europa zu richten. Wer mag es den Amerikanern verdenken, wenn sie nach all den Jahren heute zum Schluss kommen: «It’s over»?
Statt mit dem Finger auf «die schwachen Europäer» (NZZ-Duktus) zu zeigen, lohnt sich der Blick nach innen. In eine Schweiz, die sich dieser Tage anschickt, ihr Ding noch stärker als sonst schon allein machen zu wollen.
Dabei kann man nicht umhin festzustellen: Die Schweiz ist nicht «bedingt abwehrbereit». Sie ist es schlicht überhaupt nicht.
Hinter ihr liegen dreissig Jahre sicherheitspolitische Selbstdemontage. Keine Abrüstung aus Überzeugung, sondern Nachlässigkeit aus Überheblichkeit.
Nach 1990 galt der Osten auch in der Schweiz als erledigt. Das Militärbudget schrumpfte, der Bestand wurde reduziert, die Verteidigung zur Randaufgabe erklärt.
Heute zeigt sich, wie teuer diese Illusion werden wird.
Keine Frage: Den Militärs fehlt es weder an Lagebewusstsein noch an Problemerkenntnis. Das erste Problem ist die Politik. Denn sobald konkrete Entscheidungen anstehen, verlangt sie zuerst nach einer «sicherheitspolitischen Gesamtstrategie» – im vollen Wissen, dass deren Erarbeitung Jahre beansprucht und ihre Annahmen von der militärischen Entwicklung längst überholt sein werden, sollte sie denn je vorliegen.
Was als politische Sorgfalt verkauft wird, ist wie immer nichts anderes als die Angst vor der Entscheidung.
So bleibt die Schweizer Verteidigungslandschaft ein Flickenteppich: militärisch getrieben, politisch gebremst, finanziell halbherzig. Man lockert den Rüstungseport aus Angst um die heimische Industrie. Man beschafft amerikanische Kampfjets und Luftabwehrsysteme, weil man noch immer auf den amerikanischen Schutzschirm hofft.
Eine Art Ablasszahlung. Und als das wird sie von der Trump-Administration auch behandelt.
Die Verteidigungsmisere ist auch deshalb aufschlussreich, weil sie die gesamte Widersprüchlichkeit der Schweizer Befindlichkeit spiegelt.
Während man sich politisch möglichst von Europa fern halten möchte, sprechen sich 56 Prozent der Bevölkerung für eine NATO-Annäherung aus. 43 Prozent sind der Ansicht, ein europäisches Verteidigungsbündnis biete mehr Sicherheit als die Neutralität – der höchste je gemessene Wert. Und 59 Prozent glauben nicht mehr, dass sich die Neutralität militärisch glaubwürdig schützen lässt. (Quelle: «Sicherheit 2026»)
Die Bevölkerung ist, zumindest in dieser Frage, weiter als die politische Debatte.
«Wir dürfen die Menschen nicht anlügen», sagte Verteidigungsminister Pfister im Februar der NZZ. Er hätte ergänzen müssen: «nicht länger».
Denn die eigentliche Nachricht lautet nicht, dass die Schweizer Armee zu schwach geworden ist. Die eigentliche Nachricht lautet, dass die Nachkriegszeit vorbei ist.
Nur hat noch kaum jemand begriffen, was das bedeutet.
Marc Baumgartner meint
Wir haben da noch einige weitere Baustellen, die in Überheblichkeit und mit kurzsichtiger Planung gegraben wurden und jetzt irgendwie fertiggebaut werden müssen. Finanzierung der AHV durch Zugewanderte. Fehlende Pflegekräfte und Ärzte, zu deren Korrektur weder Markt noch Politik funktionert. Chancenungleichheit, trotz allem. Wirtschaften auf Kosten künftiger Generationen. Sinkende Kaufkraft, trotz Wirtschaftswachstum (wo geht das ganze Geld eigentlich hin?). Jede Menge Menschen, die ein Leben lang hart gearbeitet haben und trotzdem jeden Rappen umdrehen müssen. Steuertrickli für die Begüterten, sparen bei allen anderen. Oder Privatisierung der Risken und Gewinne, und wenn’s nicht klappt zahlen dann alle. Wer schlauer ist als die anderen, kommt damit durch, wenn er sie bescheisst.
Und ganz viel Frust darüber kumuliert in der Zustimmung zur 10-Mio-Initiative, die von Leuten aufgegleist wurde, die eine ganze Menge der Probleme mitverantworten. Und die wohl kaum eines der Probleme lösen wird, da die wahren Ursachen nicht angegangen werden.
Wird nicht langweilig in den nächsten Jahren. Popcorn?
Daniel Flury meint
In diesem Zusammenhang muss an die GSoA-Initiative «Für eine Schweiz ohne Armee» von 1989 erinnert werden.
Immerhin 36 Prozent der Stimmberechtigten dachten damals, dass man mit einer Blume im Knopfloch Kriege gewinnt.
Nicht wenige von jenen haben den Marsch durch die Institutionen hinter sich und sitzen heute in unseren Parlamenten.
Marc Baumgartner meint
Ich habe die 36% immer so interpretiert, dass sehr viele davon sich gegen das damalige und heute durchaus immer noch bestehende Militär-Wirtschaft-Etablissement wehrte, welches sich eine, nein: DIE Deutungshoheit zulegte und diese vehement zur Alleinseligmachformel stilisierte (vor allem natürlich gegen Linke gerichtet). Aus dem Grund hätte auch ich dafür gestimmt, durfte aber noch nicht.
Heute wünsche ich mir eine starke, rein defenisv ausgelegte Armee, die politisch von allen Kräften getragen werden kann und auch getragen wird. Auch wenn ich ganz Pazifist bin, glaube ich ans „si vis pacem, para bellum“. Hoffentlich setzen sich „die nach dem Marsch durch die Institutionen“ heute dafür ein.