Manchmal liest man einen Beitrag, der etwas verspricht, und bleibt mit einer Leerstelle zurück.
So heute, wenn die bz unter dem Titel «Um Thomi Jourdan wird es einsam» mehr Klatsch als politische Analyse liefert. Es sind keine handwerklichen Fehler. Es ist die Perspektive, mit der das Thema angegangen wird.
Die zentrale These des Beitrags lautet: Jourdan verliere Rückhalt. Belegt wird sie mit Anekdoten. Einmal auf den Tisch gehauen. Ein Kommissionsgeheimnis verletzt. Ärger im Laufental.
Er ist zu bürgerlich für die Linke, zu klein für das bürgerliche Lager und hat mit der Stimmfreigabe der EVP bei der Schoch-Nachfolge das Vertrauen der Grünen verspielt.
Das sind Symptome. Keine Ursachen.
Das eigentliche Problem Jourdans ist nicht sein Temperament. Es ist seine institutionelle Obdachlosigkeit. Er ist zu bürgerlich für die Linke, zu klein für das bürgerliche Lager und hat mit der Stimmfreigabe der EVP bei der Schoch-Nachfolge das Vertrauen der Grünen verspielt.
Ein EVP-Regierungsrat ohne tragfähige Koalitionsbasis hat kein Persönlichkeitsproblem. Er hat ein strukturelles Problem.
Der Artikel streift diesen Punkt mit der Formulierung «zwischen Tisch und Bank», die beiden Autoren ziehen daraus aber keine Konsequenzen.
Besonders auffällig ist die Behandlung der EVP-Stimmfreigabe. Diese wird als «kapitaler Fehler der Partei» bezeichnet. Doch die entscheidende Frage wird gar nicht gestellt.
Hat Jourdan diesen Entscheid mitgetragen oder hat er versucht, ihn zu verhindern?
Falls er ihn mitgetragen hat, war es ein politischer Fehler. Falls er ihn nicht verhindern konnte, offenbart dies ein Autoritätsproblem in der eigenen Partei. Beides wäre politisch relevant. Zwei, drei Telefonanrufe hätten gereicht, um Klarheit zu schaffen.
Auch Jourdans Satz, die Wahl 2023 sei eine Persönlichkeitswahl gewesen und werde dies 2027 wieder sein, wird bloss weitergegeben. Dabei hält diese Behauptung seit dem 14. Juni einer politischen Prüfung nicht stand. 2023 gewann Jourdan, weil ihn die Grünen mittrugen. 2027 werden sie ihn voraussichtlich bekämpfen.
Damit verändert sich die Logik der Wahl fundamental. Aus einer Persönlichkeitswahl wird eine Lagerfrage.
Genau deshalb war Philipp Schochs Bemerkung am Wahlsonntag, ein erneuter Anlauf sei denkbar, weit mehr als eine spontane Reaktion auf eine Niederlage. Es war eine präzise formulierte Kampfansage.
Die Botschaft lautet: Wir haben bewiesen, dass wir im Lagerwahlkampf bestehen können. Beim nächsten Mal holen wir uns den Sitz, den wir der EVP 2023 ermöglicht haben.
Damit wird Jourdans Persönlichkeitsnarrativ endgültig fragwürdig. Schoch würde 2027 nicht gegen Jourdans Charakter antreten, sondern gegen dessen parteipolitische Leerstelle.
Wenn die Grünen ihn nicht mehr tragen, sondern bekämpfen, wird die Wiederwahl nicht schwieriger. Sie wird rechnerisch höchst anspruchsvoll.
Die Bürgerlichen wiederum haben wenig Grund, ihm aus dieser misslichen Lage herauszuhelfen. Mit drei eigenen Regierungsräten verfügen sie bereits über eine Mehrheit.
Es ist sogar denkbar, dass sie mit der FDP 2027 den Angriff auf einen vierten Sitz wagen. Dann wäre Jourdan nicht Teil ihrer Strategie, sondern deren Ziel.
Der Rat der bz, Jourdan müsse seine Gemütslage besser kontrollieren, mag therapeutisch sinnvoll sein. Politisch ist er unerheblich. Über Jourdans Zukunft entscheiden nicht seine Nerven.
Sondern die Mathematik.
Björn Geborgt meint
Ich meine, Jourdan wurde 2023 vor allem gewählt, weil seine Gegenkandidatin nicht wählbar war und die Parteibasis von FDP und Mitte das auch so sah. Anders als bei Liechti.
Manfred Messmer meint
Da haben Sie durchaus recht. Der Sollberger-Effekt war 2023 real. 2027 wird er fehlen.
Marcus Denoth meint
Ausser die SVP ist so wahnsinnig und stellt als zweite Kandidatin die im Simmental sich hauptsächlich aufhaltende Jungpokitikerin vom rechten Rand auf.