Der frühere FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher veröffentlichte 2004 sein vielbeachtetes Buch «Das Methusalem-Komplott». Ein Weckruf: Die demografische Revolution werde das westliche Gesellschaftsmodell umkrempeln.
Damals war ich 55. Gemessen an heute noch recht jung.
Wobei ich die Fünfziger als eunuchische Dekade empfand: nicht mehr bei den Mittvierzigern, noch nicht sechzig. Eine altersmässige Grauzone. Verstärkt durch den Umstand, dass die CEOs, mit denen ich arbeitete, plötzlich deutlich jünger waren als ich.
Heute denke ich: Wirklich alt bin ich mit neunzig.
Das Paradox ist offensichtlich. Die Gesellschaft altert dank Medizin, Hygiene und Wohlstand. Gleichzeitig treiben die von körperlicher Arbeit weitgehend verschonten Siebzigjährigen mehr Sport, achten stärker auf ihre Gesundheit und sind aktiver als jede Generation vor ihnen.
Für Schirrmacher war das Alter die grosse Provokation des 21. Jahrhunderts. Lange verstand man darunter vor allem die wachsende Zahl älterer Menschen. Heute scheint mir: Er hat etwas anderes getroffen.
Nicht die Alten haben sich verändert. Das Alter hat sich verändert.
Der typische 75-Jährige von heute ähnelt dem 75-Jährigen von 2004 ungefähr so stark wie ein E-Bike einem Fahrrad mit Dreigangschaltung.
Er reist, fährt Auto, trainiert im Fitnesscenter, besucht Museen, nutzt digitale Medien, plant mit KI Projekte und denkt nicht daran, sich zu verabschieden.
Früher verschwand man langsam aus dem öffentlichen Leben. Heute bleibt man einfach da.
Inzwischen diskutieren Politologen über Gerontokratie. Pro Senectute warnt vor dem Ungleichgewicht zwischen den Generationen. Die Provokation heutzutage ist, dass ältere Menschen überdurchschnittlich viel und überdies eigenen Wohnraum beanspruchen und ihn nur ungern aufgeben.
Und überhaupt: Dazu sind die Alten auch noch politisch aktiv.
Schirrmacher fürchtete die Alten als Last. Gekommen sind sie als Konkurrenz — um Ressourcen, um politisches Gewicht, um die Definition der Gegenwart. Das Komplott hat stattgefunden. Nur sind die Verschwörer niemandem zur Last gefallen.
Sie sind geblieben. Und sie spielen mit.
PS. Dieser Tage bin ich aufgefordert, erneut meine Fahrtauglichkeit überprüfen zu lassen. Völlig in Ordnung, für mich kein Problem.
Die Steuern, der Tod und nun noch die Fahrtauglichkeit.
Es gibt kein Entrinnen.
Daniel Flury meint
Schön.
Mag sein.
Das sind die mit den guten Pensionen, die, die am Tattoo die besten Plätze buchen, die, die fünf mal im Jahr Flusskreuzfahrten unternehmen, die, die als angesäuselte Treberwurst-Gruppe SBB-Abteile belegen und die, die politisch nur noch ihre eigenen, persönlichen Vorteile sehen wollen.
Es sind die, die das Bild der Boomer in der Öffentlichkeit prägen.
Die anderen Boomer, dass sind die, die als Gipser, Maler oder Bauarbeiter gearbeitet haben und hier Ergänzungsleistungen beziehen, oder mit Glück wieder in ihre Heimatländer geflüchtet sind.
Die sind ruhig.
Ganz wie es für die Schweiz gehört.