
Herrschaft beruht weniger auf Ideen als auf der verlässlichen Bereitstellung von Selbstverständlichkeiten zu einem als fair empfundenen Preis. Über als zu hoch empfundene Preise stolpern selbst amerikanische Präsidenten.
Das ist normale Politik.
Es gibt aber Dinge, deren Fehlen den stillschweigenden Vertrag zwischen Staat und Bürger nicht belastet, sondern aufkündigt.
Im alten Rom war es Getreide. Die Kaiser investierten Unsummen in die Versorgung der Hauptstadt. Sie wussten: Leere Getreidespeicher gefährden ihre Herrschaft mehr als verlorene Schlachten.
Im Frankreich des 18. Jahrhunderts war es Brot. Die Revolution begann nicht mit Rousseau und politischen Forderungen. Sie begann in den Köpfen der Menschen mit der Überzeugung, der König könne oder wolle das tägliche Brot nicht mehr garantieren.
Der hohe Brotpreis war nicht mehr bloss ein wirtschaftliches Problem. Er wurde zum Symbol eines gebrochenen Versprechens.
Seit Wochen häufen sich Berichte über Benzinknappheit in Russland. Tankstellen rationieren den Verkauf, Kanister sind ausverkauft, Warteschlangen entstehen selbst in Regionen, die bisher als sicher galten.
Selbst Moskau bleibt nicht verschont.
In den Clips sieht man keine Revolutionäre. Man sieht Menschen, die fassungslos sind. Nicht der Preis erschüttert sie, sondern die Tatsache, dass Benzin überhaupt knapp geworden ist.
Ein Clip aus Taganrog zeigt, wohin das führt: abgeschaltete Lichter an der Tankstelle, trotzdem herrscht Hochbetrieb – aber nur für Bekannte, sagt der Kommentator.
Der Protest lautet nicht: Nieder mit Putin. Er lautet: Warum die – und nicht ich?
Russland versteht sich seit jeher als Energiegrossmacht. Billiger Treibstoff gehört seit Jahrzehnten zum unausgesprochenen Gesellschaftsvertrag. Wer stabile Verhältnisse versprach, versprach immer auch funktionierende Tankstellen.
Deshalb kann der Kreml das Problem kaum erklären. Gibt er ukrainischen Drohnen die Schuld, räumt er die Verwundbarkeit des eigenen Hinterlands ein. Spricht er von organisatorischen Problemen, weckt das Erinnerungen an die sowjetische Mangelwirtschaft.
Schweigen hingegen erzeugt Gerüchte.
Vielleicht sind es nicht die tausenden von toten russischen Soldaten, die Putin die Herrschaft kosten, sondern die 20 Liter Benzin für jeden Autofahrer.