
Ich folge auf X aus psychohygienischen Gründen ausschliesslich Kanälen, die auf der Seite der Ukraine stehen. Entsprechend bin ich vermutlich einseitig beeinflusst – die prorussischen Trolle lasse ich bewusst aussen vor.
Deshalb verdichtet sich bei mir ein Eindruck: Russland kann die Ukraine nicht mehr bezwingen, was einer Niederlage gleichkommt.
Eine Niederlage bedeutet nicht zwingend den militärischen Kollaps. Es reicht, keines der ursprünglichen Kriegsziele erreicht, die eigene Wirtschaft nachhaltig demoliert zu haben.
Beides trifft auf Russland zu.
Sollte es in den kommenden Monaten zu einem Waffenstillstand kommen, könnte dies der Beginn eines Aufstiegs sein – jener eines Landes, das einen Krieg durchlebt, wie ihn die Welt bisher nicht kannte. Der russisch-ukrainische Krieg dürfte als erster grosser datengetriebener Krieg in die Geschichte eingehen.
Das eigentlich Bemerkenswerte ist dabei nicht die Drohne als neue Kampfmaschine. Es ist der gigantische Datenschatz, den die Ukraine aufgebaut hat.
Täglich sammeln Drohnen, Sensoren, Satelliten, elektronische Aufklärung und digitale Gefechtsstände Informationen über Flugrouten, Störsignale, Luftabwehr, Tarnung, Gelände, Gegnerverhalten. Entscheidend ist nicht die einzelne Mission, sondern die Rückkopplung: Einsatzdaten fliessen laufend zurück, werden ausgewertet, beeinflussen den nächsten Einsatz. Aus Tausenden Operationen entsteht eine ständig lernende Einsatzmatrix.
Die Ukraine verfügt heute möglicherweise über die weltweit grösste Sammlung realer Daten moderner Mensch-Maschine-Kriegsführung. Ein Wissenskapital, das sich weder kaufen noch simulieren lässt.
Drohnen kann man kopieren. Wissen nicht.
Nach dem 1945 die Industrie zerstört und die Städte zerbombt waren, verfügte Deutschland noch immer über sein wichtigstes Kapital – das Wissen seiner Ingenieure, Chemiker und Techniker.
Für die Ukraine könnte Ähnliches gelten.
Wenn der Krieg endet, sind die Drohnen nicht das wertvollste Gut. Sondern die Menschen dahinter: eine Generation von Ingenieuren, die in einer historischen Extremsituation gelernt hat, hunderttausende Einsätze auszuwerten, Systeme anzupassen, neue Lösungen zu entwickeln.
Die Einsatzmatrix ist Datenmaterial. Der eigentliche Schatz sind die Köpfe.
Die Ukraine könnte den Krieg mit dem wertvollsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts verlassen: Wissen.
Welche zivilen Anwendungen daraus hervorgehen, weiss heute niemand. Aber es wäre erstaunlich, wenn nicht neue Technologien für Logistik, Robotik, Infrastrukturüberwachung, Landwirtschaft oder Katastrophenschutz entstünden.
Europa könnte in wenigen Jahren feststellen, dass die Ukraine-Hilfe nicht nur Solidarität war, sondern eine der folgenreichsten strategischen Investitionen seit dem Ende des Kalten Krieges.
Offen ist allerdings, wer die Erträge dieser Investition ernten wird.
Möglicherweise konkurrieren Europa und die USA bereits heute um das wertvollste Nebenprodukt dieses Krieges: das Wissen, das aus ihm entsteht. Nicht mehr Europa gegen Russland. Sondern Europa gegen die amerikanischen Plattformen.
Und die Schweiz? Sie beobachtet.
Daniel Flury meint
Oder besser: «Klaut» … .
Daniel Flury meint
Doch, Wissen kann man kopieren.
Fragen Sie mal «Claude» … .