Die NZZ am Sonntag veröffentlichte kürzlich eine Reportage über Isenthal im Kanton Uri. Das Dorf auf 780 Metern Höhe mit seinen 376 Einwohnern lebt im wörtlichen Sinn weitab vom Schuss. Die Menschen dort sind konservativ und katholisch.
Ihr Pfarrer ist ein Inder.
Der Kanton Uri hat die 10-Millionen-Initiative mit rund 60 Prozent angenommen. Isenthal, die Gemeinde mit der höchsten Geburtenrate der Schweiz, sagte mit 67,7 Prozent Ja.
Die CH-Medien veröffentlichten am Abstimmungssonntag eine Analyse, die aufhorchen lässt: «Woran die 10-Millionen-Initiative wirklich gescheitert ist.» Die stärkste Aussage: Nicht entlang des viel beschworenen Stadt-Land-Grabens, sondern entlang eines bislang wenig beachteten Bildungsgrabens. «In Gemeinden mit geringer Akademikerdichte befürwortete eine Mehrheit der Stimmenden die Initiative», schreiben die Autoren.
«Je gebildeter eine Gemeinde, desto weniger Zustimmung.»
Basel-Stadt hat die Vorlage mit 73,5 Prozent Nein so deutlich verworfen wie kein anderer Kanton. Das ist nicht einfach ein Triumph der Stadt über das Land. Es ist die Topografie unterschiedlicher Wissensräume.
Die amerikanische Stadtforscherin Jane Jacobs beschrieb ein solches Phänomen bereits 1961 in «The Death and Life of Great American Cities». Städte seien nicht bloss Ansammlungen von Wohnungen, Fabriken und Verkehrswegen. Sie seien Orte permanenter Begegnung, zufälliger Kontakte, des Informationsaustauschs und der Innovation.
Denn Dichte und Vielfalt erzeugen neues Wissen. Menschen lernen voneinander, weil sie ständig mit anderen Lebenswelten konfrontiert werden. Zeitgemäss formuliert: In Städten und grossen Agglomerationen leben Menschen in hochverdichteten Informationsökosystemen.
Nähe produziert Komplexität. Distanz produziert Vereinfachung.
Ein Universitätsabschluss oder eine andere tertiäre Ausbildung ist deshalb mehr als ein Bildungsmerkmal. Er bedeutet oft auch die Einbindung in grössere Wissensnetzwerke, viele davon international. Städter bewegen sich häufiger in jenem urbanen Wissensraum, den Jacobs als Voraussetzung für wissenschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Dynamik beschrieben hat.
Das mag den Unterschied zwischen Basel-Stadt und Isenthal erklären.
Es geht also weniger um einen Gegensatz zwischen Stadt und Land als um unterschiedliche Formen der Erfahrung. Städte und Agglomerationen sind Räume, in denen Menschen täglich mit Vielfalt, Mobilität und Veränderung konfrontiert werden.
Kurz: Unterschiedliche Lebensräume erzeugen unterschiedliche Sichtweisen auf dieselbe Realität.
Die Menschen in Isenthal haben jedes Recht, so zu leben, wie sie es sich vorstellen. Ich kann das vorbehaltlos akzeptieren. Aber ich bestehe ebenso darauf, dass sie akzeptieren, dass es in diesem Land auch andere Formen des Zusammenlebens gibt – mit anderen Erfahrungen, Werten und Vorstellungen.
Weder die Städte noch das Land sind der Massstab der Schweiz.
Wenn man sich darauf einigen könnte, würde das jenen Kräften viel Wind aus den Segeln nehmen, die den Graben bewirtschaften.
Baresi meint
Was unterscheidet echte von unechten Heimatgefühlen und wer legt das fest? Haben Menschen, die in den Bergen Skigebiete mit Kunstschnee betreiben oder ganz allgemein vom Tourismus leben, echte Heimatgefühle? Haben Menschen, die sich in Basel für die Lebensqualität in ihrem Quartier engagieren unechte Heimatgefühle?
Walter Basler meint
Was mich bei diesen jahrzehntelangen Stadt-Land-Öffnung-Tradition-Diskussionen immer wieder aufregt: Man mag den Abschottern ihre herzige Schweiz gönnen. Man darf ihnen aber nicht die alleinige Deutungshoheit darüber lassen, was „schweizerisch“ ist oder was „die Schweiz“ ausmacht.
Reich gemacht hat dieses Land nicht das Jodeln und die heimelige Dörfli-Gemeinschaft, sondern die Offenheit gegenüber anderen Menschen und fremden Einflüssen – und die Fähigkeit, sich immer wieder anzupassen und Nischen zu finden. Diese Eigenschaften kultivieren nun mal vor allem Städte. Das ist mindestens so schweizerisch wie die Alpenschweiz.
Interessant ist das Schweiz-Bild, das in der Westschweiz vorherrscht. Dort kann man viel weniger als in der Deutschweiz auf eine Alphorn-Erzählung zurückgreifen. Was die Schweiz dort mehrheitlich ausmacht, sind Dinge wie Henri Dunant, das internationale Genf, die hochkompetitive Uhrenindustrie, die innovative und sehr internationale Genferseeregion, die kleine, aber feine EPFL, eine geschickte kulturelle Abgrenzung zu Frankreich, aber auch strukturschwächere Gegenden wie der Jurabogen, die sich seit Jahrzehnten tapfer durchkämpfen. Folklore wird als das gesehen, was es sein sollte: als Folklore und kaum als identitätsstiftend für die Gegenwart.
Marc Baumgartner meint
Als unsere Gründerväter die Volksschule einrichteten, ging es kaum darum, die Leute für den Arbeitsmarkt tauglich zu machen – die meisten waren sowieso Bauern, die damals wenig Bildung benötigten. Der wichtigste Aspekt war, dass die Leute demokratische Entscheidungen mittragen können, weil sie diese verstehen und ihre Konsequenzen besser abschätzen vermögen.
Geht heute gern mal vergessen.
unterbaselbieter meint
Für beide Lager der Schweiz muss eine Lösung gefunden werden. Alles muss man ernst nehmen. Schlussendlich muss für das Land Schweiz eine Lösung gefunden werden.
Denn nochmals 1-3 Mio. Menschen nächstens gibt soziale Spannungen. Das fängt im Coop am Brotregal an und hört beim Wohnen auf.
Gescheit Nein – Dumm Ja = Welche Anmassung.
Ich gehe jetzt mal auf die Gefühls-Ebene – welche beim Mensch sicher auch eine Rolle spielt: Jene, welche echte Heimatgefühle haben, die Schweiz UND die Scholle lieben, stimmten Ja.
Jene welche eher Gefühle zu Dividenden, Aktien, Immobilienvermietungen, Umsatzsteigerungen haben, stimmten Nein. Zusammen mit den Linken welche die ganze Welt in die CH holen wollen ein Duo welches kaum zu schlagen ist.
So (laut BaZ) würden auch die Rahmenverträge durchgewunken.
Doch das schöne ist dann: Solche Abstimmungen wie die „10 Mio Initiative“ könnte es dann gar nicht mehr geben.
Man würde nie mehr ein Wort vom „Fachkräftemangel“ hören und die Mehrheit würde nicht mehr über Stau, Enge, Dichte, Wohnknappheit stöhnen.
U. Haller meint
Das empfinde ich auch so, lieber unterbaselbieter. Übrigens: Das Domdorf weist mit einem Ja-Anteil von lediglich 31,26% den tiefsten Wert im ganzen Kanton auf. Sind die Arlesheimer deshalb „gebildeter“ als alle anderen Einwohner im Kanton? Die Antwort erspare ich mir aus Höflichkeit. Das Domdorf ist zudem auch längst keine FDP-Hochburg mehr, wie die BaZ dieser Tage titelte, sondern hat sich politisch klammheimlich dem politischen Spektrum der Stadt angenähert und könnte als grünes (politisch gemeint) Aussenquartier problemlos in ihr eingemeindet werden. Ausser einmal mehr viel hohlen Phrasen der meisten Politiker wird auch nach dieser Abstimmung rein nichts passieren, ich mache mir da nichts vor. Das Karussell dreht sich munter weiter.
Manfred Messmer meint
„Sind die Arlesheimer deshalb „gebildeter“ als alle anderen Einwohner im Kanton?“
Ja.Fakt.Bevölkerungsstruktur.
Manfred Messmer meint
„Und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
Reich-Ranicki