
Das Paradoxe am SVP-Nationalismus ist, dass er gar kein Nationalismus ist. Er ist der politische Schweizer Ableger einer Internationalen — der Internationale der populistischen Nationalisten.
Ob in den USA, in Grossbritannien, in Deutschland, Italien, Polen, Schweden — oder eben in der Schweiz: Die Parolen sind dieselben, die Feindbilder austauschbar, die Zielgruppe identisch. Menschen, die das Gefühl haben, dass Komplexität über sie hinwegrollt, dass sie nicht mehr mitentscheiden können.
Dass ihre Welt enger wird, während die der anderen grösser wird.
«Heimatgefühle, Scholle lieben» — wer so denkt, erlebt einen echten Schmerz. Doch die Antwort, die ihnen verkauft wird, ist ein internationales Produkt – der Nationalismus des 21. Jahrhunderts ist globalisiert.
Das Etikett wird national angepasst.
Der intellektuelle Unterbau kommt nicht aus den Parteizentralen der Nationalkonservativen, sondern aus einem globalen Netzwerk von Thinktanks — Atlas Network, Heritage Foundation, Institute of Economic Affairs — finanziert von amerikanischen Milliardärsfamilien, verwurzelt in der Tradition von Friedrich von Hayek, dessen Mont Pelerin Society ausgerechnet in der Schweiz gegründet wurde.
Von Genf in die Welt, und zurück nach Bern, St. Gallen, Uri, in den Aargau als scheinbar deutschschweizerische Überzeugung.
Die Figuren, die dieses Produkt vertreiben, sind selbst das Gegenteil dessen, was sie verkaufen. International vernetzte Unternehmer, Finanzspekulationen in aller Welt, Ferienwohnungen im Ausland, Kinder auf internationalen Schulen. Geschäftssprache Englisch.
David Goodhart, der britische Soziologe, hat für diesen Typus einen Begriff geprägt: Anywheres — Menschen, deren Identität nicht an einem Ort hängt, sondern an Netzwerken, Karrieren, Klassen. Das Gegenteil der Somewheres, die sie politisch mobilisieren.
Die Nationalisten sind Anywheres, die Somewheres zur Absicherung ihrer Macht nutzen.
Was bleibt, ist eine schlichte Frage: Wenn dieselben Argumente, von denselben Netzwerken, an dieselbe Bevölkerungsschicht, in zwanzig Ländern gleichzeitig verkauft werden — was genau ist daran schweizerisch?
Vielleicht finden wir die Antwort in der französischen Schweiz. Dort, wo die SVP trotz Parmelin nie richtig Fuss gefasst hat.
Daniel Flury meint
Wie das funktioniert, das sieht man heuer wieder mal an der ART Basel.
Ein Stelldichein der finanzstarken «Anywheres», die die ausgestellte Spekulationskunst begutachten und nach Feierabend Hintergrunddeals abwickeln.
Und der gehobene Besucher-Plebs fühlt sich erbaut, wenn er einen flüchtigen Blick auf das Unverständliche an der Wand werfen darf.
Christian Dreyer meint
Nanu? Ich habe in meiner Jugend viel Hayek gelesen (übrigens Nobel-Preisträger), aber dass der globalisierte Nationalismus (Nationalglobalismus?) in seiner Tradition verwurzelt sein soll, finde ich doch einigermassen überraschend. Ayn Rand geprägter Libertarismus als Tradition – absolut. Aber das steht in starkem Kontrast zum klassisch geprägten Liberalismus Hayeks. Kann schon sein, dass sich der eine oder andere Nationalglobalist auf Hayek beruft. Bloss hat er ihn dann bestimmt nicht gelesen.
https://www.politico.com/story/2012/08/the-ryan-paradox-rand-hayek-080235
Manfred Messmer meint
Sie haben recht — Hayek selbst wäre entsetzt gewesen. Sein Name wurde gekapert; gelesen haben ihn die wenigsten, die ihn zitieren. Hätte das deutlicher machen können.
Hatte eben neben den Institutionen, die in gekapert haben, auch an konkrete Leute gedacht, die Hayek national-konservativ vor sich hertragen, z.B. Somm, der sich wirtschaftsliberal (Hayek) gibt, aber nationalkonservativ mit Kompass Schweiz unterwegs ist.