
Alt Botschafter Thomas Borer – dessen NZZaS-Einlassung, wie er nun selbst präzisiert, aus einem Vortrag entstammt – antwortet auf meinen Beitrag vom Sonntag. Ausführlich, kenntnisreich und mit dezentem Hinweis auf sein Buch – was bei einem Mann seiner Erfahrung niemanden überraschen dürfte.
Wir nehmen zur Kenntnis, dass er die vierzig bis fünfzig Millionen Dollar, mit denen er in der NZZ am Sonntag zitiert wird, um die Korruption Joe Bidens zu illustrieren, nun als «hyperbolisches Beispiel» bezeichnet.
Das ist eine elegante Lösung.
In der Diplomatie nennt man das nicht Rückzug, sondern Einordnung – wie Alt Botschafter Borer es selbst treffend formuliert.
Seine vollständige Antwort im Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Messmer
Besten Dank für Ihren Beitrag und dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, sich mit meinen Ausführungen auseinanderzusetzen.
Erlauben Sie mir lediglich eine kleine Einordnung: Joe Biden diente in meinem Vortrag lediglich als hyperbolisches Beispiel. Wer nach Korruption oder zumindest fragwürdigen Interessenkonflikten in der amerikanischen Politik sucht, wird auf beiden Seiten des politischen Spektrums fündig.
Die seit Jahren geführten Diskussionen über die Aktiengeschäfte von Nancy Pelosi und anderen Kongressmitgliedern sind hierfür nur ein Beispiel. Joe Bidens Familie hat sich – auch während seiner Amtszeit als Vize-Präsident – bereichert; die entsprechenden Fakten, vor allem über seinen Sohn Hunter Biden, sind publik.
Der Einfluss von Geld auf die amerikanische Politik ist generell seit Jahrzehnten Gegenstand intensiver Debatten. Wahlkämpfe verschlingen heute Milliardenbeträge, und die Fähigkeit, finanzielle Mittel zu mobilisieren, ist oft eine Voraussetzung für politischen Erfolg. Aus diesem Grund entstand in den 90er Jahren auch die Reform Party, welcher es kurzzeitig gelang das Zwei-Parteien-System in den USA infrage zu stellen.
Es überrascht daher kaum, dass viele Amerikaner den Eindruck haben, politische Macht und finanzieller Einfluss seien zu eng miteinander verflochten. Diese Wahrnehmung beschränkt sich weder auf eine Partei noch auf einzelne Personen, sondern ist ein strukturelles Merkmal des politischen Systems.
Ich bedaure dies, aber kann an den Fakten nichts ändern.
Im Übrigen freut es mich immer, wenn Vorträge über die Vereinigten Staaten Diskussionen auslösen. Falls Sie sich vertieft mit dem politischen System, der Geschichte und den Mechanismen der amerikanischen Politik auseinandersetzen möchten, erlaube ich mir einen dezenten Hinweis auf mein Buch «Task Force Schweiz USA».
Auch wer nicht alle meine Einschätzungen teilt, dürfte darin den einen oder anderen interessanten Einblick in die amerikanisch-schweizerischen Beziehungen und die politischen Abläufe in Washington finden.
Freundliche Grüsse
Thomas Borer
Christian Dreyer meint
Wie weit ist in diesem Fall, bei dem konkrete Namen und Zahlen genannt werden, die Distanz zwischen „hyperbolischem Beispiel“ und einer Lüge?
Christoph Gass meint
Vorab: ich bin kein Fan von TB. Dennoch finde ich es professionell, wie er mit seiner Replik auf den Artikel von MM reagiert hat. Seine grundsätzlichen Aussagen zur amerikanischen Politik teile ich, selbst wenn seine kolportierten Zahlen „zugespitzt“ sein mögen. Dasselbe Phänomen zeigt sich m.E. auch in der Schweiz: Magistraten und Parlamentarier werden für ihr „Wohlverhalten“ belohnt. Allerdings erst nach ihrer Amtszeit, was aber ebenfalls ein starkes Signal gegenüber amtierenden Amtsträgern aussendet…