
Heute Morgen gab es für Wissenschafter und Programmierer in Europa ein böses Erwachen: Ihr KI-Werkzeug war über Nacht verschwunden.
Was war passiert?
Die Trump-Regierung hat gestern Anthropic eine Exportkontroll-Direktive zugestellt, die den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 für alle Ausländer untersagt — gleichgültig ob sie sich in den USA befinden oder nicht, einschliesslich ausländischer Anthropic-Mitarbeiter.
Anthropic erhielt die Weisung um 17:21 Uhr ET. Das Schreiben enthielt keine spezifischen Angaben zur nationalen Sicherheitsbedrohung. Anthropic sperrte daraufhin beide Modelle für alle Nutzer weltweit.
Ein Betroffener schrieb mir heute Morgen über die Qualität der neuen Modelle von Anthropic:
Ich habe seit zwei Tagen mit Fable 5 gearbeitet. Es ist unglaublich, was das kann, respektive konnte. Das Interventionsintervall verlängerte sich von 5 bis 15 Minuten auf 60 bis 240 Minuten. Wir reden hier also nicht um Prozente besser als die Vorgängerversion Opus 4.8 — es geht um den Faktor 10 bis 20 Produktivitätsgewinn bei hochstehenden Entwurfsarbeiten. Die Konsequenzen sind ohne Frage weitreichend.
Nicht nur anwendungstechnisch, sondern auch politisch.
Die eigentliche Bedeutung: Das ist kein technisches Sicherheitsproblem. Das ist der erste offen vollzogene Akt amerikanischer KI-Souveränität als Machtinstrument. Nicht allein gegenüber China, was aus Sicht der USA verständlich ist. Denn weshalb soll dieser Widersacher mit amerikanischen KI-Modellen technisch hochgerüstet werden?
Doch für die EU, Grossbritannien, die Schweiz ist das ein unilateraler amerikanischer Eingriff in europäische Arbeits- und Forschungskapazitäten, ohne Konsultation, ohne Rechtsweg, ausgesperrt über Nacht.
Nach den bisherigen Exportbeschränkungen und Strafzöllen ist das handelspolitisch eine neue Dimension: Frühere Massnahmen betrafen Güter und Chips, mit Vorlauf und Rechtsweg. Fable 5 ist ein Werkzeug, das mitten in laufenden Projekten abgeschaltet wurde — ohne Begründung, ohne Frist, willkürlich mitten in der Nacht.
Die Direktive des Weissen Hauses zeigt den Europäern – und die Schweiz ist dabei immer mitgemeint – einmal mehr ihre Grenzen auf: Wer die entscheidenden Technologien nicht selbst kontrolliert, bleibt von den Entscheidungen anderer abhängig.
Die USA demonstrieren damit, dass die Europäer zwar regulieren können, doch die digitale Infrastruktur, auf die sich Europa verlässt, bleibt amerikanisches Hoheitsgebiet.
Europa glaubte, Nutzer amerikanischer KI zu sein. Heute Nacht wurde deutlich gemacht, dass es lediglich Lizenznehmer ist.
PS I: Der Zeitpunkt des staatlichen Eingriffs ist bemerkenswert: Anthropic hat am 1. Juni vertrauliche Börsengangsunterlagen bei der SEC eingereicht — Bewertung 965 Milliarden Dollar, IPO geplant für Herbst 2026. Ein Unternehmen in dieser Verwundbarkeitsphase lässt sich leichter unter Druck setzen. Ob das eine Rolle gespielt hat, wird sich zeigen. Was mit der Bewertung geschieht – ebenfalls.
PS II: Bemerkenswert auch: Anthropic hat nicht nur Ausländer ausgesperrt, sondern alle Nutzer — auch die amerikanischen. Die Direktive traf Europa. Den Kollateralschaden spürt Washington selbst. Die klare Botschaft: Wir machen das nicht mit.
Klaus Kirchmayr meint
Die Schweiz hätte in Sachen KI einiges zu bieten. Ohne entsprechende Infrastruktur (KI-Datacenters) und damit Europa wird das aber nichts werden. Ein wesentlicher Teil unserer zukünftigen Wirtschaft und Sicherheit hängt daran, hier nicht abgehängt zu werden.