
Benjamin Wirth, ein Journalist, den ich durchaus schätze, beklagt sich heute in der BaZ darüber, dass es in der Politik keine «kernigen Typen» mehr gebe.
Der Artikel ist handwerklich gut geschrieben, hat aber eine zentrale Schwäche: Er verteidigt ein Idealbild von Politik, das zunehmend nicht mehr zur Realität der Regierungsarbeit passt.
Der Autor beklagt die Profillosigkeit der Kandidaten und fordert mehr Kante, mehr Haltung, mehr Mut zur Kontroverse. Dahinter steckt einerseits die Logik des heutigen Medienbetriebs, der von Aufmerksamkeit und Erregung lebt, andererseits die romantische Vorstellung des Politikers als Charakterkopf.
Das Problem: Regierungen funktionieren nicht so.
Ein Regierungsrat wird nicht gewählt, um seine Überzeugungen möglichst laut zu vertreten, sondern um komplexe Interessenkonflikte zu moderieren. Die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten, ist heute oft wichtiger als die Fähigkeit zur Zuspitzung.
Man könnte deshalb den Spiess umdrehen.
Vielleicht sind Philipp Schoch und Matthias Liechti nicht deshalb vorsichtig, weil ihnen der Mut fehlt. Vielleicht sind sie vorsichtig, weil sie bereits verstanden haben, dass viele politische Fragen nicht mehr entlang klarer Ja-Nein-Linien verlaufen.
Nehmen wir die 10-Millionen-Initiative. Die Bevölkerung ist gleichzeitig für Zuwanderung und gegen Zuwanderung. Für Fachkräfte und gegen Bevölkerungswachstum. Für Wohlstand und gegen Verdichtung. Ein Politiker, der dazu eine einfache Antwort liefert, ist nicht mutiger, sondern oft bloss ein Vereinfacher.
Der zweite Schwachpunkt des Artikels liegt in seiner Medienkritik.
Wirth argumentiert, die Medien müssten Unterschiede herausarbeiten. Das stimmt. Aber genau hier liegt der Punkt von Schoch. Die Medien fragen oft nach Symbolen, Parteietiketten und Lagerzugehörigkeiten, statt nach Regierungsfähigkeit.
Der Baselbieter Regierungswahlkampf leidet tatsächlich an journalistischer Einfallslosigkeit. Ich habe praktisch alle Interviews gelesen. Egal ob BaZ, bz, OnlineReports oder andere Medien: Die Gespräche wirken austauschbar, ritualisiert und vorhersehbar.
Journalisten leben wie Politiker in ihrer eigenen Bubble. Deshalb stellen sie oft jene Fragen, die im politischen Betrieb interessant erscheinen – nicht zwingend jene, welche die Wähler interessieren.
Dabei wären die interessanten Fragen nicht schwer zu finden.
An Matthias Liechti: «Sie sind Mennonit. Ihre Glaubenstradition betont Demut, Friedfertigkeit und Distanz zur Macht. Gleichzeitig kandidieren Sie für ein Regierungsamt und für die SVP, deren politischer Stil stark von Konflikt und Zuspitzung geprägt ist. Wie vereinbaren Sie diese beiden Welten?»
An Philipp Schoch: «In der Pflege lernt man, Prioritäten zu setzen, weil Zeit und Ressourcen begrenzt sind. Nennen Sie eine politische Forderung der Grünen, die in der Theorie gut klingt, aber an der Realität scheitert.»
Und an beide Kandidaten: «Anton Lauber führt seit 2013 die Finanz- und Kirchendirektion des Kantons Basel-Landschaft. Nennen Sie eine Entscheidung, die er richtig getroffen hat – und eine, die Sie anders gelöst hätten.»
Diese letzte Frage ist die entscheidende.
Sie erzwingt Konkretheit. Sie verhindert billige Distanzierung. Sie zeigt, ob jemand den Regierungsbetrieb versteht oder nur darüber redet. Wer ausweicht, hat sich selbst charakterisiert.
Genau darin liegt die Schwäche vieler heutiger Wahlkampfinterviews. Sie beschäftigen sich übermässig mit Kommunikationsstrategien, Symbolen und Positionierungen. Sie fragen selten nach Urteilskraft.
Die eigentliche Schwäche dieses Wahlkampfs ist deshalb vielleicht nicht die Profillosigkeit der Kandidaten.
Die eigentliche Schwäche ist die Vorhersehbarkeit der journalistischen Fragen. Wer zehn Interviews liest, erhält oft zehnmal dieselben Antworten, weil auch zehnmal dieselben Fragen gestellt werden.
Vielleicht fehlt es im Baselbiet derzeit weniger an kernigen Politikern als an Journalisten, die den Mut haben, die Fragen ihrer Bubble zu verlassen.
PS: Mein Namedropping analog zum Schluss von Wirths Artikel: Helmuth Hubacher wurde in Basel-Stadt als Regierungsrat nicht gewählt. Christoph Stutz wurde nach nur einer Amtsperiode wieder abgewählt. Und Thomi Jourdan läuft derzeit politisch gegen eine Mauer.
Alle drei entsprachen ziemlich genau dem Idealtypus, den Wirth beschreibt: eigenständige Persönlichkeiten, klare Aussagen, ausgeprägtes Profil, keine Angst vor Konflikten. Das Problem ist nur: Profil und Wahlerfolg sind nicht dasselbe. Und Profil und Regierungsfähigkeit schon gar nicht.
Herrmann Elig meint
Ist das bereits ein Orakelspruch, Jourdan werde bei den Gesamterneuerungswahlen abgewählt? Da schaue ich kurz auf mögliche Kampfkandidaturen und sage: ich wette dagegen.