Letzte Station: Vichy. Die Stadt ist vor allem wegen des Regimes bekannt, nicht wegen ihrer Sehenswürdigkeiten — und das prägt den Besuch.
Denkt man.
Denn von dieser Epoche bekommt man nichts zu sehen. Keine Erklärungen, kein Denkmal, kein Museum. Ein solches hätte dieses Jahr eröffnet werden sollen — verschoben auf 2030.
Die Stadt tut sich schwer mit sich selbst.
Das offizielle Argument: Dass aus Vichy «Vichy» wurde, sei ein Zufall, dem grossen Hotelangebot des einst mondänen Bäderorts geschuldet. Als ob der Ort nichts mit der Geschichte zu tun hätte.
Das Vichy-Regime bis heute im Nationalbewusstsein ein grauer Fleck.
Es war keine vom Deutschen Reich eingesetzte Marionettenregierung. Die französischen Rassengesetze wurden ohne deutschen Druck verabschiedet. Und die Nationalversammlung schaffte die Republik in einem demokratischen Akt ab — 569 zu 80 Stimmen — und unterwarf sich einer Diktatur unter dem Ersten-Weltkriegs-Helden Maréchal Pétain.
Die Ideologie: «Travail, Famille, Patrie» — reaktionär, antirepublikanisch, antisemitisch, antikommunistisch.
1940 ist näher als man denkt, weil Vichy zeigt, wie schnell und fast geräuschlos eine Demokratie durch Mehrheitsentscheid in ein reaktionäres Regime kippen kann.
Nach dem Krieg wurde Pétain zum Tode verurteilt, von de Gaulle begnadigt.
De Gaulle war General, Pétain Maréchal de France. Den ranghöheren Vorgesetzten lässt man nicht hinrichten.
Es gibt noch Wasser mit dem Namen Vichy.

U. Haller meint
Und heute? Eine vor wenigen Jahren in Auftrag gegebene Studie verdeutlicht, wie wenig die Franzosen über dieses grösste Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts wissen. So kennen 57 % von ihnen die Zahl der während der Shoah ermordeten Juden – 6 Millionen – nicht. Nicht wenige der Befragten gaben an, noch nie etwas davon gehört zu haben. Zwei von drei Befragten nannten Auschwitz-Birkenau unter den Lagern oder Ghettos, von denen sie gehört hätten. Gerade unter den Millennials und der Generation Z ist das Unwissen über den Massenmord an den Juden durch die Nazis weit verbreitet, vor allem, wenn Einzelheiten abgefragt werden. Eine Mehrheit der französischen Umfrageteilnehmer äusserte sich zudem zwiespältig über die Haltung Frankreichs in der Zeit der Besetzung. Lange wurde dabei die Beteiligung des Vichy-Regimes an den NS-Verbrechen – willige Handlanger der Deportation waren französische Beamte und Polizisten – verschwiegen. Auch heute gibt es noch Revisionisten, die die Rolle der Vichy-Regierung schönreden. Zur Erinnerung: Zwischen 1940 und 1944 waren rund 75.000 Juden aus Frankreich in die deutschen Vernichtungslager deportiert worden, nur rund 2500 von ihnen überlebten. Erst 1995, vierzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, bequemte sich Präsident Jacques Chirac, die Mitschuld Frankreichs an der Shoah anzuerkennen.
P.K. meint
Ein kleinwenig, sehr geehrter Herr Haller, sind Sie schon auf einem Trip: an sozusagen jedem Ort, wo Mme und M. Messmer zusammen mit ihrem unermüdlichen und geschlechtslosen Guide, A.I. Claude, freundlich einkehren und uns nicht weniger freundlich und überdies anregend bei allerdings zuweilen etwas absonderlichen Tellergerichten berichten, machen Sie Heerscharen von Antisemiten aus.