Singapur gilt für viele der Schweizer Wirtschaftselite als traumhaftes Vorbild. Eine Singapur-Schweiz mit wenig Regeln, dafür mit viel unternehmerischer Freiheit — so sähe eine zukunftsträchtige Schweiz aus.
Letzte Woche spielte sich dort eine Szene ab, die wohl kaum copy+paste-tauglich scheint.
Singapurs Ministerpräsident Lawrence Wong stand vor seinen Gewerkschaftern und weinte.
Nicht aus Rührung — aus Hilflosigkeit.
Er hatte ihnen gerade erklärt, was er nicht mehr verhindern kann: Ihre Jobs werden verschwinden. KI übernimmt. „Das Tempo des Wandels wird schneller sein als alles, was wir bisher erlebt haben.“
Wong gilt nicht als Politiker der leichten Worte. Was er sagte, war das bislang offenste Eingeständnis staatlicher Ohnmacht eines Regierungschefs.
Singapur ist kein Sonderfall. Es ist ein Vorbote. Insofern sollte man in der Schweiz tatsächlich auf Singapur schauen.
Der autoritär geführte Stadtstaat gilt seit Jahrzehnten als Vollendung des westlichen Wohlstandsversprechens: Wer sich bildet, wer qualifiziert ist, wer mithalten kann, der kommt weiter. Dienstleistungen statt Fabrikarbeit. Wissensarbeit statt Fliessband. Banker, Anwälte, Analysten, Berater — gut bezahlt, gesellschaftlich angesehen, dank stetigem Wirtschaftswachstum mit sicheren Jobs.
Was die Deindustrialisierung anbelangt, ist die Schweiz wahrscheinlich noch konsequenter als Singapur. Banking, Versicherungen, Treuhand, Verwaltung, Forschung — das ist der Wohlstandsmotor der letzten sechzig Jahre. Drei Viertel der Schweizer Bruttowertschöpfung kommen aus dem Dienstleistungssektor.
Das ist die Basis, auf der unser Wohlstand ruht. Genau die ist das Primärziel der KI.
Nun meint man, man könne mit einer Bildungsoffensive gegensteuern. KI-Unterricht ab der Primarschule. Umschulungsprogramme. In Singapur bekommen alle Bürger über 25 einen Gutschein von 500 Dollar für KI-Kurse. Ein dortiger Ökonom hat das kommentiert — trocken, vernichtend: Das Geld sei vielleicht besser in Fussmassagen angelegt.
Es fällt schwer, ihm zu widersprechen.
Die neuen Berufe, die KI schafft, erfordern Fähigkeiten, die sich nicht in Abendkursen erwerben lassen. Die breite Mittelschicht der Dienstleistungsgesellschaft wird nicht mithalten können.
Fünf amerikanische Unternehmen — OpenAI, Google DeepMind, Meta, Anthropic, xAI — kontrollieren die Infrastruktur dieses Wandels. Ihre Eigentümer sind eine Handvoll Milliardäre, deren erklärtes Ziel seit je die Disruption war.
Disruption galt lange als Silicon-Valley-Vokabel für kreative Zerstörung im Kleinen — ein Markt, eine Branche, ein Geschäftsmodell.
Was jetzt geschieht, ist anderer Natur: Es ist die Disruption der Erwerbsgesellschaft als solcher.
Die Gewinne dieser Disruption fliessen zu den Aktionären der fünf Unternehmen. Die Kosten — Arbeitslosigkeit, überlastete Sozialsysteme, politische Destabilisierung — trägt die Allgemeinheit.
Singapur hat eben eingeführt, was im Stadtstaat bislang undenkbar war: Arbeitslosenhilfe.
Die Unterstützung der Betroffenen werde ein moralisches Gebot von historischen Ausmassen sein, sagt Dario Amodei, Mitgründer von Anthropic.
Eine Frage bleibt, und sie ist nicht rhetorisch gemeint:
Wer hat diesen fünf Unternehmen den Auftrag gegeben, die Arbeitsgesellschaft des 20. Jahrhunderts abzuwickeln?
Niemand. Sie haben es einfach getan.
PS: Die Ukraine meldet: Ein einziger Operator steuert jetzt einen ganzen Drohnenschwarm mittels KI in Echtzeit. Was früher Dutzende Spezialisten und Stunden Planung erforderte, dauert nun Sekunden. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ (Heraklit, 5. Jahrhundert v. u. Z.).
U. Haller meint
Umso erstaunlicher finde ich es, dass der Papst schon seit geraumer Zeit und auch in seiner neuen Enzyklika
https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2026-05/papst-leo-xiv-enzyklika-magnifica-humanitas-zusammenfassung.html
der KI den Kampf angesagt hat. Man könnte nun mit Fug und Recht beanstanden, dass diese Warnung vor einem „neuen Kolonialismus“ der Tech-Konzerne nicht zur Kernaufgabe der Kirche gehört. Der Papst fordert schlicht etwas, das in der Welt dieser Konzerne nicht gewollt und auch nicht vorgesehen ist: Regeln. Technologische Entwicklung müsse sich an den Kriterien der Menschenwürde und des Gemeinwohls messen lassen und so verhindern, dass Menschen durch undurchsichtige Algorithmen benachteiligt werden. Ich hoffe, dass man diese Botschaft in den einschlägigen Kreisen vernommen hat.