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Offener Brief an Regierungsrätin Esther Keller

22. Mai 2026 By Manfred Messmer

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Sehr geehrte Frau Regierungsrätin, geschätzte Esther Keller

Ich denke, es ist genug gemotzt worden.

Klar bestünde reichlich Anlass: 200 Millionen Franken Mehrkosten, vier Begründungen, die einer sachlichen Prüfung nicht standhalten, und ein Projekt, das sich seit Jahren tiefer in selbstverursachte Komplexität verstrickt.

Das ist dokumentiert, nicht Meinung.

Doch das bringt nichts. Was ich an anderer Stelle als «Herzstück-Syndrom» beschrieben habe, zeigt sich bei der Hafenbahn in Reinkultur: Probleme werden früh identifiziert, sachlich analysiert und breit diskutiert.

Entscheide erfolgen jedoch verzögert oder nur in abgeschwächter Form. Ursachen sind eine diffuse Verantwortungsverteilung, ausgeprägte Konfliktvermeidung sowie die Priorisierung von Verfahren gegenüber klarer politischer Führung.

Doch es wäre falsch, dabei von Führungsversagen im Einzelfall zu sprechen. Das Herzstück-Syndrom ist das Resultat eines politischen Anreizsystems, das Risikoaversion systematisch belohnt — nicht zuletzt an der Urne.

Schuldzuweisung greift also zu kurz.

Was am Beispiel Hafenbahn dennoch deutlich wird: Es wird nach Methoden gearbeitet, die irgendwo in den Nullerjahren stehen geblieben sind.

Selbstverständlich nutzen Ingenieure und Planer neue Programmtools. Doch wie sich zeigt, fehlt die Fähigkeit, über Jahre und Projektstufen hinweg Planungsprämissen konsistent zu halten, Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen und Kostenfolgen von politischen Zusatzwünschen — wie jenem «sachfremden Passus» der Umweltkommission — in Echtzeit sichtbar zu machen.

Es geht im Kern um die Fähigkeit, über Jahre den roten Faden nicht zu verlieren — unabhängig davon, wer gerade am Tisch sitzt. Genau das leistet AI zuverlässiger als jedes Planungsteam, das über fünf Jahre rotiert.

Ein AI-gestützter Konsistenzcheck der Planungsgeschichte würde übrigens auch zeigen, ab welchem Punkt die Parameter «nicht präzise genug» waren — wann genau die Verdoppelung der Kosten eingetreten ist.

Deshalb sollten Sie die Hafenbahn als Chance nutzen, das Baudepartement in einigen Bereichen neu aufzustellen und mit KI-Tools aufzurüsten. Künstliche Intelligenz kann in wenigen Stunden leisten, wofür Planungsteams Jahre gebraucht haben — mit bekanntem Ausgang.

Was jetzt konkret zu tun ist: Sämtliche Planungsdokumente seit 2020 — Ratschläge, Kommissionsberichte, Korrespondenzen, Protokolle, Kostenschätzungen — werden in ein AI-System eingepflegt.

Dann stellt man vier Fragen: Welche Annahmen von 2020 gelten heute noch? Wo widersprechen sich Dokumente aus verschiedenen Jahren? Welche der genannten Kostentreiber waren in früheren Dokumenten bereits als Risiko erkennbar?

Und schliesslich: Welche Szenarien sind auf dieser Grundlage realistisch — Weiterführung unter welchen Bedingungen, Neuplanung oder geordneter Abbruch?

Klar doch: AI kann diese Szenarien nicht politisch entscheiden.

Aber sie kann sie durchrechnen, transparent machen und damit die politische Debatte auf eine Grundlage stellen, die das Herzstück-Syndrom strukturell unterbricht: Entscheide auf Basis von Evidenz statt Verfahren.

Die Kompetenz für einen solchen Ansatz existiert, auch in Basel. Sie muss nur abgerufen werden.

Nun kenne ich das System, in dem Sie arbeiten, aus langjähriger Beratertätigkeit für verschiedene Departemente recht gut. Und weiss, dass es strukturell gegen solche Werkzeuge opponiert. Nicht aus bösem Willen. Sondern weil KI bisherige Berufsbilder, Tätigkeiten und Abläufe unwiederbringlich verändern wird.

Das wissen alle — und niemand spricht es aus.

Dabei wäre der Konsistenzcheck der Hafenbahn-Dokumente erst der Anfang: der Einstieg in die KI-gestützte Planung der gesamten Klybeckentwicklung.

Dieses Momentum ist Ihre Chance für eine politische Weichenstellung, wie sie das Baudepartement seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.

Mit freundlichen Grüssen

Manfred Messmer

Kategorie: Basel-Politik Stichworte: Esther Keller, Hafenbahn, Herzstück

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Daniel Flury meint

    23. Mai 2026 um 1:53

    Wenn man offene Briefe an Frau Keller schreibt, dann muss man berücksichtigen, dass diese Frau ausschliesslich ihre eigenen Tagebücher liest.

    Den Rest, den lässt sie sich vorbereitet vorlegen.

  2. unterbaselbieter meint

    22. Mai 2026 um 13:15

    Liest Sie das?
    Mails liest sie immer.
    Und ist schnell im Antworten
    (andere RR antworten nicht)
    Doch was in ihren Antworten steht ist wässrig wie Wasser im Wasserglas.
    – empfinde ich

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