Ein ausgedehntes Mittagessen im vertrauten Kreis. Jüngere Generation, Kinder im Schulstress, Haus, Hypothek. Das Gespräch dreht sich um die Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz. KI, die den Job grundlegend verändert.
Das Unbehagen ist gross — und präzise.
Nicht wegen Flüchtlingen oder Bauarbeitern. Sondern wegen den Expats. Jener Kategorie von Einwanderern, die nicht nur sozial, sondern qua Bezeichnung einen Sonderstatus geniesst.
Deren Englisch zur Umgebungssprache wird. Deren Kaufkraft die Grundstückpreise in Regionen treibt, wo Einheimische im Erbfall das Elternhaus ihrer Eltern nicht mehr finanzieren können. «Was hier mit den Immobilienpreisen geschieht, ist nicht mehr normal.»
Trotzdem sind wir uns am Tisch einig: Die Initiative muss man ablehnen. Die FZA-Kündigung als Konsequenz ist zu hoch. Ein Ja für das berechtigte Unbehagen wäre die falsche Reaktion auf das nicht wegzudiskutierende Problem.
Dann der Satz, der hängen bleibt: «Was sollen wir schon sagen — am Schluss ist es deine Generation, die den Ausgang bestimmt.»
Keine Empörung. Keine Polemik. Resignation als nüchterne Lagebeurteilung.
Die Beteiligungsstruktur direktdemokratischer Abstimmungen gibt dieser Einschätzung recht. Nicht weil die ältere Generation zahlenmässig dominiert, sondern weil sie verlässlich zur Urne geht.
Das Ergebnis: Über eine Initiative, deren operative Schwelle 2031 greift und deren Zeithorizont bis 2050 reicht, entscheiden überproportional jene, die 2031 nicht mehr im Erwerbsleben stehen — und 2050 mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit nicht mehr unter uns weilen.
Ich gehöre zur Babyboomer-Generation und bin gegen die Initiative.
Das schützt mich nicht vor der Logik: Der typische Ja-Stimmer dieser Generation kombiniert drei Faktoren — begrenzten Zeithorizont, materielle Immunität gegenüber den wirtschaftlichen Konsequenzen einer FZA-Kündigung, und maximale Urnen-Disziplin.
Keine Mehrheit durch Überzeugung; eine Mehrheit durch Struktur.
Wer abstimmt, entscheidet. Wer zu Hause bleibt, nicht. Das ist keine Kritik — es ist die Spielregel. Man muss sie benennen.
PS: Nächsten Sonntag werde ich 77.
P.K. meint
Was für ein Asphaltmuster würde der Street Photographer MM als Begleitmuster wählen, wenn er zusammen mit seinen LLMs Liechti vs Schoch, eben in der BaZ porträtiert, kommentieren würde?
Manfred Messmer meint
Eines mit Kaugummi?
P.K. meint
perfekt, absolut perfekt!
Beatus Holderer meint
Gutes Timing: 35’000 Ukrainerinnen und Ukrainern mit Schutzstatus S erhalten 2027 automatisch eine Aufenthaltsbewilligung B. Entspricht in etwa der Bevölkerung von Schaffhausen.
Werner Baumann meint
Interessant, dass in der ganzen Diskussion der Haupttreiber der Einwanderung, die (Unternehmens-)Steuerpolitik praktisch nicht vorkommt:
Die Bevölkerungszahl der Schweiz ist in den letzten Jahren mehr gestiegen als anderswo. Einer der wichtigsten Auslöser ist eine aggressive Steuerpolitik. Die Steuerpolitik der Kantone und der Schweiz als ganzes ist darauf ausgerichtet, Firmen im grossen Stil anzulocken. Sie ist sehr erfolgreich darin! Darum wachsen Firmen, die international tätig sind, in der Schweiz sehr stark.
1. Quartal 2010: 4,42 Mio. Arbeitstätige belegen 3,69 Mio. Vollzeitäquivalente
4. Quartal 2025: 5,39 Mio. Arbeitstätige belegen 4,48 Mio. Vollzeitäquivalente
(Quelle: BFS 2026)
Das heisst: Steigerung der Zahl der Arbeitstätigen um 22,0%, der VZÄ um 21,5%.
Zum Vergleich: Bevölkerungswachstum in dieser Zeit von 7,79 auf 9,05 Mio.; = 16,2%.
Der Hebel zum Bremsen wäre also klar: nicht Bevölkerungspolitik, sondern Steuerpolitik – da macht die SVP aber das Gegenteil von dem, was sie angeblich will.
Marc Baumgartner meint
Danke für die Zahlen – sehe ich genau so.
An der Steuerpolitik schrauben, heisst die Ursache (oder mind, die wichtigste) angehen. Ist natürlich sehr viel einfacher, Asylbewerber zu Sündenböcken zu machen.
http://www.republik.ch liefert noch einige Zahlen mehr.
Baresi meint
Waren die Boomer schon in jungen Jahren die zuverlässigen Urnengänger? Das würde bedeuten, dass Interesse an der Demokratie schwindet. Oder gibt es einen Knackpunkt, welcher jede Generation zur zuverlässigen Urnengängerin macht?
Manfred Messmer meint
Bin schon seit jungen Jahren Wähler und Abstimmer.
Baresi meint
Ich auch als Generation X. Auf was ich hinaus will. Liegt es seit je am Alter (Alte gehen an die Urne, junge nicht) oder an den jeweiligen Generationen, die eine Generation lang gleich ticken?
Manfred Messmer meint
Die tiefe Stimmbeteiligung Jüngerer ist in der Schweiz seit den 1970ern dokumentiert. Was sich verändert hat: Die Lücke zwischen Jung und Alt ist grösser geworden, weil die Älteren heute disziplinierter teilnehmen als früher, nicht weil die Jungen fauler geworden wären.
C. Gass meint
Bin Jahrgang 66 und habe KEINE EINZIGE Abstimmung verpasst, seit ich volljährig bin (war teilweise aufwendig). Ich möchte mich nicht damit brüsten. Aber erstens finde ich die Idee der direkten Demokratie grossartig. Ausserdem bin ich der persönlichen Ansicht, dass man Abstimmungen nur dann im Nachhinein kritisieren sollte, wenn man teilgenommen hat. Das soll aber nicht heissen, dass ich ex post betrachtet immer „richtig“ abgestimmt habe …
Christoph Gass meint
Interessante Analyse. Man kann auch eine andere Schlussfolgerungen ziehen. Etliche Ältere sind Immobilienbesitzer. Das Haus dient (auch) als Alterskapital. Die PFZ hält die Preise hoch. Und die negativen Folgen („Dichtestress“, Konkurrenz im Beruf) trifft viele Älteren weniger als die Jüngeren. Dazu können noch andere Ängste kommen: z.B. Fachkräftemangel in der Pflege etc. Im Gegenzug scheinen etliche sonst eher „links“ denkende Menschen einem Ja nicht abgeneigt. Wird spannend.
Keller meint
Ihr Foto passt zu Ihrem Nein: Deckel drauf und Probleme aus den Augen.
Damit ist das bisherige Weiterwursteln garantiert, mit einem Ja provozieren wir zumindest momentane Perplexity. Daraus könn(t)en kluge Menschen etwas machen. Auch mit Hilfe von perplexity, falls, was anzunehmen ist, der Schweizer brain fog inzwischen zu blickdicht hängt.
Natürlich bleibe ich bei meinem Ja, auch wenn Sie durchaus auf Ihre Weise recht haben. Doch irgendwie ist dieses biedere Nein zu brav für Sie. Altersmilde?