Lese gerade Antonio Scuratis «Mussolini», den ersten Band. Mich interessiert weniger der Mann — schliesslich weiss man inzwischen, wohin er geführt hat und wie er endete.
Mich interessiert die gesellschaftliche Konstellation, die den Faschismus möglich machte.
Scurati beschreibt ein Italien nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Tausende Männer plötzlich feststellen mussten, dass ihre Opfer, ihre Fähigkeiten und ihre Identität in dieser Gesellschaft keinen Platz mehr hatten. Der Krieg hatte sie zu Helden an der Front gemacht — aber der Frieden machte sie überflüssig.
Ich lese also etwas, das zum Verständnis unserer gegenwärtigen Epoche führen kann: Der Faschismus entstand nicht aus Armut. Er entstand aus Entwertung.
Die KI-Revolution produziert gerade eine neue Klasse von Entwerteten. Das sagen die Tech-Milliardäre, das befürchtet der Papst, darüber vergoss Singapurs Ministerpräsident Tränen.
Und genau deshalb liest sich Scuratis Roman wie eine Vorahnung. Er zeigt, was passiert, wenn Gesellschaften die Frage der Entwertung nicht beantworten — mit literarischer Präzision und ohne moralischen Zeigefinger.
Zum ersten Mal ersetzt eine Maschine nicht primär Muskelkraft, sondern geistige Mittelklassefähigkeiten. Und bricht dabei das jahrzehntelang geltende Versprechen: Wer sich bildet, spezialisiert und anstrengt, wird gebraucht.
Der Schock liegt deshalb weniger im Arbeitsplatzverlust als im Identitätsbruch. Die Maschine übernimmt nicht nur Aufgaben. Sie relativiert Lebensleistungen.
Menschsein vollzieht sich in Gemeinschaft. Wir erkennen uns im Spiegel der anderen — dadurch, dass wir gebraucht werden, dass wir beitragen, dass unsere Fähigkeiten zählen.
Moderne Identität basiert auf dieser Kette: Ich kann etwas. Darum habe ich Wert. Darum gehöre ich dazu. Wer aus diesem Kreislauf herausfällt, verliert nicht nur Einkommen oder Status — er verliert den sozialen Ort, der seine Existenz als Individuum bestätigt.
Bedeutungsentzug ist deshalb keine Variante von Armut. Er ist eine brutale Form sozialer Entwertung.
Die kommende KI-Gesellschaft könnte Millionen Menschen hervorbringen, die sich ähnlich erleben: nicht völlig arm, nicht völlig ausgeschlossen, aber funktional entwertet.
Die liberale Demokratie unterschätzt, wie sehr Menschen psychisch daran hängen, gebraucht zu werden. Sie denkt in Rechten, Chancen, Märkten. Sie denkt nicht in Bedeutung. Und genau deshalb ist sie anfällig, wenn Bedeutung massenhaft entzogen wird.
Die kommenden Entwurzelten werden nicht zwingend zum Faschismus greifen — der historische Vergleich wäre zu simpel. Aber sie werden nach funktional ähnlichen Angeboten suchen: Gemeinschaft statt Abstraktion, Authentizität statt Expertise, einfache Hierarchien statt komplexe Institutionen, Feindbilder statt Analyse.
Nicht die völlig Marginalisierten destabilisieren Systeme zuerst. Sondern jene, die den Verlust ihres Status bewusst erleben.
Die von Scurati geschilderte Zwischenkriegszeit liefert dafür ein Muster: gekränkte Mittelschichten, kulturell entwertete Männer, Veteranen ohne Funktion, Intellektuelle ohne Einfluss, Kleinbürger mit Abstiegsangst.
Die oft hysterische Debatte um Migration und Überfremdung ist denn auch Ausdruck einer tieferen Angst: der Angst, im eigenen Land funktional und kulturell bedeutungslos zu werden.
Die nächste grosse politische Spaltung verläuft deshalb nicht mehr zwischen Arm und Reich, sondern zwischen den algorithmisch Aufgewerteten und den algorithmisch Entwerteten.
Das ist eine neue historische Linie. Denn KI trennt Menschen nicht mehr nur nach Besitz, sondern nach funktionaler Ersetzbarkeit.
Ich schaue mit Scurati in die Vergangenheit und sehe eine mögliche Zukunft.
Daniel Flury meint
Ist das da unten links Woody Allen, der eine von 15 RAV-Bewerbungen schreibt?
Manfred Messmer meint
lol