Es ist dieses Gefühl von Zufriedenheit mit sich und dem Schweizer Sein, wenn der Kassenzettel 203 Euro zeigt und auf dem Kontokorrentkonto zuhause lediglich 195.95 Franken abgebucht werden.
In solchen Momenten wird einem bewusst: Wir sind wer. Und wir haben ziemlich viel richtig gemacht.
Ja, uns geht es ausserordentlich gut.
Das ist vermutlich auch der kleinste gemeinsame Nenner, den Schweizer teilen, egal ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Gleichzeitig begleitet viele die diffuse Angst, dieser Wohlstand sei nicht von Dauer.
Andere könnten ihn uns streitig machen.
Brüssel mit Kohäsionszahlungen. Einwanderer über Sozialwerke und Wohnungsmarkt. Internationale Organisationen mit immer neuen Eingriffen. Globale Konzerne mit Ausländern statt Schweizern an der Spitze. Der Uni-Professor aus Deutschland.
Irgendetwas ist immer dabei.
Die Ängste stehen oft in keinem Verhältnis zur Realität. Weshalb sie als Symptom zu deuten sind, nicht als Diagnose: Die Schweiz leidet nicht an ihrem Wohlstand. Sie leidet daran, dass sie ihn nicht mehr erklären kann.
Früher gab es einfache Erzählungen: Fleiss, Sparsamkeit, Bildung, politische Stabilität, Neutralität. Heute wirken diese Geschichten selbst auf viele Schweizer etwas verstaubt. Der Wohlstand ist da, aber seine moralische Legitimation ist unsicher geworden.
Man geniesst die Vorteile und fühlt sich gleichzeitig nicht mehr ganz berechtigt dazu. Niemand in Basel jubelt mehr über die jährlichen Millionenüberschüsse.
Die kulturelle Tiefenschicht dahinter ist vermutlich calvinistisch. Nicht religiös, aber mental. Erfolg verpflichtet. Wohlstand muss gerechtfertigt werden. Selbstzufriedenheit gilt als verdächtig. Die säkularisierte Schweiz hat zwar den Glauben verloren, aber nicht das Unbehagen am eigenen Glück.
Deshalb kreisen politische Debatten oft um Begrenzung, Verzicht und Selbstbeschränkung. Es muss auch mal genug sein!
Man könnte einwenden, dass diese Psychologie Sympathie erklärt, aber nicht das Ausfüllen des Abstimmungszettels. Richtig: Zwischen diffuser Erschöpfung am Erfolg und eingeworfenem Ja-Couvert liegt eine Hemmschwelle. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb solche Erregungsabstimmungen oft an einer Mehrheit scheitern.
Der Selbsterhaltungstrieb ist meist stärker als das Unbehagen.
Die interessante Frage der 10-Millionen-Abstimmung liegt deshalb nicht allein bei der Zuwanderung. Sondern bei unserem Verhältnis zum Erfolg.
Was sich hier Bahn bricht, ist weniger eine Sehnsucht nach Abschottung als eine Sehnsucht nach Begrenzung. Die Schweiz hat jahrzehntelang gelernt, wie Wachstum funktioniert.
Sie hat nie gelernt, wie man mit dauerhaftem Erfolg lebt.
Darum üben Initiativen, die eine Grenze ziehen wollen, eine eigentümliche Faszination aus. Selbst dann, wenn ihre wirtschaftlichen Folgen umstritten sind. Sie versprechen nicht nur Sicherheit. Sie versprechen Entlastung.
Die Rückkehr zu einem Zustand, in dem nicht alles immer weiter wachsen muss.
Die eigentliche Frage liegt jenseits des 14. Juni und jenseits aller Parteien. Brauchen sehr erfolgreiche Gesellschaften periodisch die Möglichkeit, sich selbst zu disziplinieren?
Wenn es schon nicht andere tun.
Die Schweiz ist dafür ein Extremfall. Zu klein, zu reich, zu stabil, zu lange ohne wirkliche Katastrophe. Das erzeugt Spannungen, die sich weder im Klassenkampf noch in geopolitischen Abenteuern entladen können.
Also fliessen sie in Volksabstimmungen.
Was das über den Zustand unserer politischen Kultur sagt, ist beunruhigender als jedes Umfrageergebnis: Stabilität ist langweilig. Erfolg verdächtig. Sonderstatus peinlich.
Ab diesem Punkt beginnt eine Gesellschaft, unbewusst gegen ihre eigenen Stärken zu arbeiten. Verführt vom paradoxen Wunsch, wieder so normal zu sein, wie die anderen. Nicht aus Selbsthass. Sondern aus Erschöpfung.
Der 14. Juni ist deshalb mehr als ein Abstimmungstermin.
Er könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Schweiz nicht an ihren Alltagsproblemen leidet, sondern an ihrem unwahrscheinlichen Erfolg.
Rafaele Schumacher meint
Wir sehen vor unseren Augen die Erosion der Kultur unseres Landes. Der Preis dafür ist höher, als irgendwelche BIP-Punkte und Wechselkurse.
unterbaselbieter meint
MEINE WORTE – DIE BIG-CEO-SICHT IST EBEN NICHT ALLES.