
Bei der 10-Millionen-Iniative habe ich ein Déja-vu: Die Brexit-Kampagne.
Brexit war eine Abstimmung, bei der die Verlierer (Londoner Finanzklasse, Akademiker, Kosmopoliten, Polit-Elite) das Ergebnis erst nach der Niederlage begriffen haben.
Die Schweizer Nein-Kampagne begeht gerade denselben Fehler im Voraus: Sie argumentiert aus der Perspektive jener, die das System für selbstverständlich halten — Personenfreizügigkeit als Wohlstandsgarantie, Bilaterale als Zivilisationsleistung — und versteht nicht, dass diese Rahmung für die Agglomerationsbevölkerung schlicht nicht zieht.
Dabei spielt sich die Realität vor aller Augen ab: Das örtliche Malergeschäft besteht aus dem Inhaber und zwei Mitarbeitern aus Ungarn. Unser Gärtner beschäftigt drei Polen und einen Portugiesen. Der Fensterbauer, den wir kürzlich beauftragten, beschäftigt Grenzgänger aus dem Elsass und dem Badischen. Beim Optiker in der Stadt arbeiten hörbar nur Ausländer, die Fachfrau, die uns beriet, kommt aus Tschechien.
Und trotzdem können wir aufgrund der Haltung der Wirtschaftskammer mit ihrer Stimmfreigabe (Buser in der bz: „KMU fühlen sich nicht als Profiteure der Zuwanderung“) davon ausgehen, dass viele KMU-Chefs Ja stimmen werden.
Der strukturelle Brexit-Kern: Es geht nicht um die sachpolitische Frage, sondern darum, wessen Lebensrealität politisch zählt. Die Agglobevölkerung zwischen Zürich, Bern und Basel stimmt nicht gegen die EU — sie stimmt gegen die Zumutungen, die sie mit der Personenfreizügigkeit verbindet, und gegen eine politische Klasse, die diese Zumutungen systematisch kleinredet.
In der NZZ am Sonntag gibt der ehemalige Mitte-Präsident Gerhard Pfister das bislang aufschlussreichste Politikerinterview dieser Kampagne — nicht wegen der Positionen, sondern wegen der Offenheit.
Pfister bestätigt das Kampagnenversagen der Nein-Seite aus dem Innern des bürgerlichen Lagers. Und er benennt den Kern: Economiesuisse zahlt, also befiehlt Economiesuisse — und Economiesuisse macht keine Volkskampagne, sondern Wirtschaftskommunikation.
Remain schickte Cameron, Osborne und die Bank of England vor. Leave schickte einen Let’s-Take-Back-Control-Bus.
Der Bus hat gewonnen.
10MillionenUnterbaselbieter meint
Ich liebe die Analysen, Abwägungen, die Versuche logische Erklärungen hinter den Abläufen zu liefern von M. Messmer.
Analysieren, Denken – hier geht das nicht. Denn wenn du denkst dann denkst du denkst du nur du denkst….. Denn:
Hier geht es um Zahlen. Und Zahlen Zahlen Zahlen lügen nicht.
1 Million Menschen mehr in der CH (in letzten 12 Jahren), pro Jahr kommen rund 100’000 Menschen neu in die CH (seit langem – so viel wie Industriestadt Winterthur jährlich), pro Sekunde wird rund 1m2 Land in der Schweiz zubetoniert. Pro Sekunde! (Seit 30 Jahren lang). Wird Boden überbaut, kann er nicht mehr atmen + Wasser aufnehmen. Der Boden stirbt. Wir verlieren Natur als Lebens- und Erholungsraum. 67 Tonnen zusätzlicher Abfall produziert die Schweiz. 45’000 neue Wohnungen werden betoniert wie verrückt, doch es reicht nie. Zuwanderer bauen Wohnungen für Zuwanderer, Zuwanderer pflegen Zuwanderer (2007=152’619Pflegende, 2022=231’305Pflegende) Zuwanderer unterrichten Zuwanderer – eine uferlose Spirale ins ewige «mehr-mehr-mehr»…
16 x mehr Zuwanderung hat die Schweiz als D (grösser), wir haben mehr Zuwanderung (pro Kopf) als die USA (grösser) egal ob unter Obama, Biden oder Trump. 53’000 neue Personenwagen pro Jahr, alle zwei Tage wird ein Landwirtschaftsbetrieb wegbetoniert… Es können immer noch 40’000 Menschen mit einem JA zur Initative einwandern, einfach nicht mehr jährlich 100’000 Menschen. Ich finde das OK (vernünftig,masshalten) – denn die Lebensquali nimmt durch die Masseninvasion in unser Land für jeden ab.
WAS sei dann die Alternative. EINFACH so weiter laufen lassen. Immer mehr mehr mehr bis zum geht nicht mehr? 10 Jahren haben alle Parteien Zeit gehabt, Lösungen zu suchen. Gekommen ist NULL.
Herzig: „Die Mitte Partei“ sagte was von „Home-Office“ – wie bitte, dies als Lösung?
Und die SP? „Versetzt Arbeiten“…. Ja – Cederic Wermuth macht es vor – er ist nicht in den Stosszeiten zu finden, nicht in überfüllten Zügen…. Er steht nicht um 6 Uhr, nicht um 7 Uhr, nicht um 8 Uhr auf…. Er steht später auf (On Tape…..) Und manchmal steht er wohl gar nicht auf….
Nicht nur wohl wenn man gerade von Spanien oder France kam: Es ist so puffig in der CH: Jeder spürt es, jeder merkt es, jeder weiss es.
TROTZDEM VIELEN DANK FÜR DIE ANALYSEN…. Im Juni wissen wir mehr. Definitiv.
Und jeder kann sich selbst ausrechnen, wieviele m2 beim Lesen dieses Textes wieder verschwanden. Definitiv. Und leider. Sehr leider – empfinde ich.
Henry Berger meint
Danke für Ihren Kommentar.
Die Nein-Kampagne ist psychologisch wirklich grottenschlecht und führt Unentschlossene ganz sicher eher zu einem Ja. Auch der Ausdruck „Chaos-Initiative“ ist mehr als suboptimal. Wird doch auf der Befürworter-Seite die aktuelle Situation als Chaos wahrgenommen. Des Weiteren nimmt die Kampagne der Gegner mittlerweile Ausmasse einer Gehirnwäsche an. Grüne, SP und die Wirtschaft im gleichen Boot löst auch eher Abwehrreflexe aus, mE wären die Grünen gut beraten sich hier ziemlich zurückzuhalten.
Daniel Flury meint
Der Denkfehler unserer «Elite»: Sie hat sich in ihrem Banken-Englisch bequem eingerichtet.
Während alle anderen plötzlich Ungarisch, Polnisch, Slowenisch, Ukrainisch, Lettisch, und so weiter, verstehen können müssen.
«Babylon Makes The Rules» (Steel Pulse, 1979).
Rafaele Schumacher meint
Weil das Wachstum nicht beim angestammten Einheimischen angekommen ist. Wieso soll er sein angestammes (Volks-)vermögen mit neuenExternen Teilen, welche die gleichen Rechte und Privilegien (oder sogar noch mehr) haben und somit das Kuchenstück des Einheimischen immer kleiner und den Schneeball immer grösser machen? Es gibt für ihn auch keinen Ökonomischen Grund. Kommt hinzu, dass sich der Einheimische hier immer fremder fühlt.
X3r meint
Wieso er sein „angestammtes Vermögen“ (was ist das?) teilen soll? Ganz einfach, weil er es nicht alleine produziert, sondern zusammen mit den „neuen Externen“. Das Kuchenstück des Einheimischen wird nur relativ (in %) kleiner, aber absolut (in CHF) wird es grösser – und das ist ja, was zählt.
Rafaele Schumacher meint
Die Schweiz wird flächenmässig nicht grösser. Die Infrastrukur wächst auch nicht per se. Und alles, was Generationen vor uns angespart und kulturell/gesellschaftlich erarbeitet haben, wird verwässert. Pro Kopf hat der Einheimische immer weniger, nicht nur in Prozent, sondern auch absolut. Denn nicht jeder Kuchen wächst, manche verderben auch, wenn man sie überhitzt.
X3r meint
Dafür, dass „der Einheimisch pro Kopf immer weniger“ hat, gibt es keinerlei Evidenz. Das Gegenteil ist der Fall.