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Demographie und Mathematik

21. Mai 2026 By Manfred Messmer

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Ein Szenario, über das niemand spricht: Schweiz 2100 — 6,6 Millionen: Trotz Zuwanderung auf heutigem Niveau.

Die Schweiz debattiert seit Monaten über eine Bevölkerung von 10 Millionen. Die SVP will sie verhindern, die Gegner warnen vor dem Chaos auf dem Weg dorthin. Beide Lager teilen eine Grundannahme: Die Schweiz wächst, und das sei das Problem.

Was, wenn diese Annahme falsch ist?

Ein Blick auf die aktuellen Daten des Bundesamts für Statistik deutet auf ein ganz anderes Szenario hin, als Wachstum.

Die Geburtenrate der Schweiz ist 2024 auf 1,29 Kinder pro Frau gesunken — den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1876. Seit 2019 sind die Geburten um fast zehn Prozent zurückgegangen. Der Trend setzt sich 2025 fort.

Wer diese Zahl in ein demografisches Modell eingibt — etwa das Projektionswerkzeug von Our World in Data, das auf den UN World Population Prospects basiert — erlebt keine Überraschung, sondern eine andere Quittung.

Selbst bei weiterhin positivem Migrationssaldo und anhaltend tiefer Geburtenrate steuern wir nicht auf die heiss diskutierte Übervölkerung zu.

Im Gegenteil: Die Schweizer Bevölkerung schrumpft bis zum Jahrhundertende auf rund 6,6 Millionen — 2,6 Millionen unter der UN-Medianprojektion. Und die UN-Zahl von 9,1 Millionen – also die Stabilisierung der Bevölkerung auf heutigem Niveau, setzt voraus, was die SVP gerade verhindern will: deutlich mehr Zuwanderung als heute.

Weder die SVP, die das Wachstum bekämpft, noch die Gegner der Initiative, die vor dem Bruch mit der EU warnen, sind auf dieses Szenario vorbereitet. Alle sind auf dasselbe Bild fixiert: eine Schweiz, die unaufhaltsam wächst und irgendwann aus den Nähten platzt.

Eine alternde, schrumpfende Bevölkerung stellt eine Gesellschaft vor ganz neue Probleme. Dabei geht es nicht allein um die Finanzierung der Sozialwerke. Eine alternde Gesellschaft entwickelt ganz andere Vorstellungen von Zukunft. Weil sie weniger davon hat.

Die Schweiz, der es seit fünfzig Jahren an genügend Nachwuchs mangelt, hatte bislang eine bequeme Antwort auf den Bevölkerungsschwund: Zuwanderung.

Das war — bei aller politischen Reibung — funktional. Die Schweizer Wirtschaft, das soziale System, überhaupt der Wohlstand ist darauf aufgebaut.

Dabei kommt noch ein Faktor ins Spiel, den kein demografisches Modell bisher seriös einbezieht: künstliche Intelligenz. Sie wird die Schweiz grundlegend verändern, politisch, wirtschaftlich, sozial.

Was bedeutet das für die Initiative?

Sie diskutiert ein Problem, das sich — demografisch wie technologisch — mit ganz anderen Folgen von selbst erledigt.

Und sie riskiert dabei, sich in einem Akt der Selbstverstümmelung die Optionen zu nehmen, die die Schweiz braucht, falls die Entwicklung anders verläuft als allgemein erwartet: nämlich schrumpfend, nicht wachsend.

Die eigentliche demografische Gefahr ist nicht die Zahl 10 Millionen.

Es ist die Zahl 6,6 Millionen — und die Frage, ob eine alternde, schrumpfende, technologisch völlig umgestaltete Gesellschaft ihre Versprechen als Willensnation noch einhalten kann.

Über Demographie und Mathematik kann man nicht abstimmen. Nur über Befindlichkeit.

Kategorie: schweiz-politik Stichworte: 10-Millionen-Initiative, Demographie

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. Baresi meint

    21. Mai 2026 um 14:41

    Die Bioschweizer wollen nicht nur kaum noch Kinder, sie wollen auch die Arbeit kaum noch, die von den Zugewanderten erledigt wird. Sie wollen vor allem einfach ihre Ruhe, scheint es.

    • Manfred Messmer meint

      21. Mai 2026 um 15:47

      Es gibt noch die andere Seite: Expats sind oft besser ausgebildet, ehrgeiziger und erfolgreicher als mancher Biodeutsche — pardon: Bioschweizer. Dass man mit einem Ja lästige Konkurrenz ausschalten möchte, ist menschlich verständlich. Es soll ja auch Leute geben, die die Erde für flach halten.

  2. Hans Rudolf Rohr meint

    21. Mai 2026 um 12:48

    Man nicht mal Statistik betreiben, sondern wir haben Referenzwerte: Japan. Extreme Überalterung, schrumpfende Bevölkerung, tief gehaltene Ausländerquote. Fehlende Innovation.

    Die Wirtschaft kollabiert seit Jahren, der Yen hat in 7 Jahren fast 50% verloren. Altersvorsorge am Limit, fehlende Arbeitskräfte- Pensionierte ü70 in der Arbeitswelt sind weit verbreiten.

    In der Schweiz wird immer noch von Angstmacherei gesprochen.

    Habe ein kleine Feldstudie gemacht bei ü65 bezüglich der Abstimmung: bis eine Person gefunden (du), die die Initiative ablehnt, alle anderen dafür. Weil früher war die Schweiz viel besser. Darunter diverse Personen, die erstmalig der SVP folgen. Betrachte ich die demographie der Wählenden, dann schwant mir Böses.

  3. P.K. meint

    21. Mai 2026 um 12:28

    Irgendwie harzt das provokative Kreationsmaschinchen MM derzeit ein wenig: lauter richtige Gedanken – zumindest, wenn man das herkömmliche Denken als Massstab nimmt. Doch das langweilt unseren Bloginhaber in der Regel. Nur: schrumpfende Populationen und gleichzeitig expandierende LLMs: Da steckt doch einiges an Spannung und Potenzial drin Ökologisch. Wirtschaftlich. Soziologisch. Ausserdem: U. Haller hat recht. Houellebecq diesbezüglich schon immer. Die Fröschchen im immer weniger lauen Wasser merken es noch immer nicht. Auffallend, wie vor der Abstimmung überall diese Aussterbeszenarien auftauchen. Und dann noch der unsägliche Jans mit seinem Brexitgelaber.

    • Manfred Messmer meint

      21. Mai 2026 um 13:40

      Sie überschätzen Ihre Möglichkeiten — und unterschätzen meine Geduld.

  4. U. Haller meint

    21. Mai 2026 um 11:06

    In aller Unverblümtheit: Ein weiteres Szenario darf nicht völlig ausser Acht gelassen werden. Gesetzt den Fall, dass die Entwicklung zu einer alternden, schrumpfenden Bevölkerung tatsächlich in diesem Ausmass stattfindet, wird die laufend grösser werdende Lücke ganz oder teilweise durch eine nochmals verstärkte Migration aufgefüllt werden (müssen). Doch dann haben wir im Land an der Jahrhundertwende (oder vielleicht schon vorher) eine Bevölkerungsstruktur, vor der schon heute nicht wenige hinter vorgehaltener Hand warnen. „Der grosse Austausch“ ist dann kein negativ besetzter Begriff der Ultrarechten mehr, sondern Alltagsrealität. Die Confoederatio Helvetica wäre endgültig Geschichte, ob man sich damit abfindet oder nicht.

    Ich werde es jedenfalls nicht mehr erleben.

    • Manfred Messmer meint

      21. Mai 2026 um 13:16

      Na klar doch, der Bevölkerungsaustausch ist unaufhaltsam, wenn Bioschweizer kaum noch Kinder haben wollen.

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