2025 lebten in der Schweiz erstmals mehr Menschen über 65 als unter 20 Jahren. Es hat niemand gross bemerkt. Kein Aufschrei, keine Sondersendung, keine Schlagzeile, die blieb.
Das Bundesamt für Statistik vermeldete es im April, die Medien berichteten pflichtschuldig, und dann war es wieder vorbei.
1,811 Millionen Ältere, 1,802 Millionen Junge. Eine Differenz von 9000 Menschen. Ein historischer Wendepunkt, behandelt wie eine Randnotiz.
Sechs Wochen später stimmt die Schweiz über die SVP-Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz ab. Der Zusammenhang wird im Abstimmungskampf nicht hergestellt. Von keiner Seite.
Das ist bemerkenswert — und bezeichnend.
Wer in der Schweiz aufgewachsen ist, kennt das Gefühl nicht aus einem einzigen Erlebnis. Es hat sich aufgeschichtet. Das Quartier, das sich verändert hat. Das Dorf, aus dem eine Kleinstadt wurde. Englisch als Konzernsprache, Chefs aus Deutschland. Die Miete, die von Jahr zu Jahr steigt, das Einfamilienhaus, das man sich nicht mehr leisten kann.
Der Zug, der voller ist als früher, der Stau auf der Autobahn.
Keine dieser Veränderungen war ein einzelnes Ereignis. Doch zusammen ergeben sie ein Land, das sich viele nicht mehr ganz so vorstellen, wie es in ihrer Erinnerung ist.
1949 lebten 4,7 Millionen Menschen in der Schweiz. Heute sind es 9,1 Millionen. Die Verdoppelung hat knapp achtzig Jahre gedauert — ein Menschenleben. Sie hat stattgefunden, getragen von Wirtschaftswachstum, von politischen Entscheidungen, von der Personenfreizügigkeit, von der Tatsache, dass die Schweiz für viele Menschen ein besseres Leben versprach als das, das sie kannten.
Meine Familie ist 1954 aus Deutschland eingewandert.
Die Initiative speist sich aus zwei Quellen, die selten getrennt analysiert werden.
Die erste ist Realitätsverweigerung. Der Wunsch, eine Schweiz zurückzubekommen, die es nicht mehr gibt und die es, bei nüchterner Betrachtung, in der erinnerten Form nie ganz gegeben hat.
Die Initiative verspricht Begrenzung. Sie liefert damit das Gefühl von Kontrolle über einen Prozess, der – wie die letzten 80 Jahre zeigen – nie wirklich steuerbar war.
Die zweite Quelle ist Existenzangst.
Nicht Fremdenfeindlichkeit im klassischen Sinn — das wäre zu einfach. Sondern die konkrete, oft berechtigte Sorge, dass Wohnraum, Infrastruktur und Sozialwerke mit dem Wachstum nicht Schritt gehalten haben. Dass der Wohlstand gefährdet ist, weil man ihn mit anderen teilen muss.
Beide Motive führen zum Ja.
Aus verschiedenen Milieus, mit verschiedenen Selbstbildern, aber mit dem gleichen Stimmzettel.
Dabei enthält die Initiative einen Denkfehler, der im Abstimmungskampf kaum je benannt wird. Die 9,1 Millionen Menschen, die heute in der Schweiz leben, sind bereits der Zustand, den viele Ja-Stimmende als zu viel empfinden. Der Deckel bei 10 Millionen ändert daran nichts.
Er konserviert die Gegenwart.
Der volle Zug bleibt voll. Die teure Wohnung bleibt teuer. Der Dichtestress, gegen den man abstimmt, ist bereits eingetreten — und wird durch die Initiative weder rückgängig gemacht noch wesentlich gemildert. Was die SVP als Begrenzung verkauft, ist in Wahrheit das Einfrieren des Status Quo.
Was die Initiative zusätzlich nicht liefert, steht im Kleingedruckten — oder vielmehr in den Bundesszenarien, die niemand liest.
Die 9,5-Millionen-Schwelle, die den Bund zum Handeln zwingt, wird laut Bundesszenarien um 2031 erreicht.
In fünf Jahren.
Selbst wenn die Schweiz jeden Asylbewerber abwiese und jeden Familiennachzug aus Drittstaaten stoppte — rechnerisch würde das nicht reichen. Der Asylbereich macht laut Bundesamt für Statistik 8 bis 14 Prozent der dauerhaften Zuwanderung aus. Der Bund müsste bei der Personenfreizügigkeit ansetzen.
Bei den EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern, die bei meinem Gärtner arbeiten, beim lokalen Malermeister, im Optikergeschäft in Basel, in Schweizer Labors forschen, in Schweizer Schulen unterrichten, Busse und Trams lenken.
Und genau diese EU-Bürger sind der einzige verfügbare Ausgleich für das, was 2025 still eingetreten ist: mehr Alte als Junge. Ohne Zuwanderung verdoppelt sich der Altersquotient bis 2050 — von heute 33 auf 64 Rentner pro 100 Erwerbstätige.
Die AHV ist auf dieses Szenario nicht ausgelegt. Die Mathematik ist eindeutig.
Wer das Abstrakte konkret haben will, schaut ins Baselbiet. Ohne Zuwanderung wäre der Kanton in den letzten zehn Jahren geschrumpft — die Differenz zwischen Geburten und Todesfällen ist negativ.
Der Kanton existiert in seiner heutigen Form demografisch nur dank der Zuwanderung, wo gemäss YouGov 45 Prozent Ja stimmen wollen — bei hauchdünnem Nein-Vorsprung.
An diesem Tag wählt Basel-Landschaft gleichzeitig einen neuen Regierungsrat. SVP-Kandidat und Initiative werden als Einheit wahrgenommen. Das ist politisch verständlich.
Doch demografisch stimmt Baselland gegen die eigene Zukunft. Das ist keine Prognose. Das ist Arithmetik.
Die Frage ist nicht, ob die Ja-Stimmenden das wissen. Viele wissen es. Doch eine solche Abstimmung wird nicht über die Ratio entschieden, sondern über das Gefühl, endlich einmal Nein sagen zu können.
Zu einem Wachstum, das sie nicht bestellt haben. Zu einer Veränderung, die niemand mit ihnen besprochen hat. Zu einem Land, das sich schneller wandelt, als demokratische Prozesse es verarbeiten können.
Hans Rudolf Rohr meint
Ich finde es doch immer interessant, wenn Befürworter suggerieren, dass die Zuwanderung ein künstlich herbeigeführtes Produkt sei, welches man vermeiden hätte können. Aber auch der Arbeitsmarkt unterliegt dem Prinzip von Angebot und Nachfrage – sofern wir von einer tiefen Arbeitslosigkeit ausgehen (was ja in der Schweiz im Vergleich zum Ausland der Fall ist). Es wurden also Arbeitskräfte „importiert“, weil ein Mangel besteht. Weil wir diese nicht selber ausbilden, zu wenig Nachwuchs produzieren oder diese altershalber aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Der Wohlstand der Schweiz beruht nicht unwesentlich darauf – und jetzt müssen wir wohl oder über mit den Konsequenzen leben. Wer wirklich meint, man könne die Grenzen für qualifizierte Arbeitskräfte schliessen und gleichzeitig den Wohlstand aufrecht erhalten, ersetzt Realität mit Politik.
Denn dann fehlen dem Gärtner auch die Polen, der Klinik die Ungarn, dem Optiker die Tschechen. Gerade Basel mit dem aussergewöhnlich hohen Bedarf an ausländischen Fachkräften würde erheblich stagnieren – was dann die gesamte Bevölkerung mit mehr Steuern ausgleichen darf.
Die 10-Millionen-Initiative ist eine Illusion – eine Verkennung ökonomisches Gesetzgebungen, eine politisch bedingt verklärte Ansichtsweise.
Oder wie es bereits in den 1990er Prof. Rene L. Frey in einer Vorlesung sagte, als im Rahmen einer Vorlesung die demographische Entwicklung der Schweiz diskutiert wurde und ein Student einwendete, dass dies alles die Schuld der Ausländer sei: „Seien Sie froh um den Ausländer und dessen Kinder – er wird in der Zukunft ihre AHV bezahlen.“ Schon damals wussten die Experten, dass den Weg, den man eingeschlagen hat, zu den heute vorhandenen Konsequenzen führen wird. Jetzt jammern, nachdem man Jahrzehnte davon profitiert hat, scheint mir nicht angebracht.
Fuertesirius meint
Es ist eigentlich egal was künftig in diesem Zusammenhang gewählt oder per Abstimmung resultiert. In der Schweiz lässt sich auch ohne Einbürgerung und Wahlrecht sehr gut leben und untereinander geheiratet. Es werden hier im Tessin ständig alte Wohnhäuser zu sehr teuren Miethochhäusern umgebaut mit vielen Zweitwohnungen. KI nach Thiel wird die demokratischen Werte vermehrt verdrängen. Der Drogenkonsum wird auch nicht abnehmen. Also, was wollen wir mehr? Ich geniesse meinen Lebensabend, im Sinne – nach mir ist mir eigentlich egal. Denn unsere Vorsätze der Jugend betreffend sozialer Gerechtigkeitt und intakter Natur werden zur Zeit nicht beachtet oder torpediert.
U. Haller meint
Das mag ja alles stimmen. Vielleicht ist diese Initiative wirklich der falsche Weg. Doch was ist die Alternative? Man muss sich einfach vor Augen führen, dass in den letzten Jahren die Zuwanderung x-fach höher war, als die teuren Experten des Bundes orakelten. Und unsere Volksvertreter und der masslos zerstrittene Bundesrat haben in dieser Zeit die Hände in den Schoss gelegt und rein nichts gegen dieses überbordende Schneeballsystem gemacht. Im Klartext: Die Kontrolle ist unserem Land völlig entglitten. Wohnungsmisere, überfüllte Bahnen, Staus, das Asylsystem, alles Baustellen, die verwaist sind. 2014 wurde die MEI angenommen. Passiert ist nichts, die Schutzklausel des ehem. Stadtpräsidenten von Solothurn, letztendlich ein wirkungsloses Ablenkungsmanöver, wurde nie angerufen. Es ist nicht „das Gefühl, endlich einmal Nein sagen zu können“ (Zitat MM), das für ein vorbehaltloses „Ja“ spricht, sondern die Vernunft, endlich eine geregelte Einwanderung, die sicher nötig ist, selbst steuern zu können und die Initiative nicht „den anderen“ unkontrolliert zu überlassen. Und dazu muss Bern endlich gezwungen werden. Man muss sich nur mal auf „Sorglos in die Schweiz einwandern und arbeiten!“ umsehen, wo das Paradies auf Erden (Auf dieser Seite findest du alle wichtigen Informationen, die du brauchst, um deinen Traum vom Leben in der Schweiz zu verwirklichen – klar, aktuell und verständlich erklärt) versprochen wird. Macht man jetzt nichts, wird aus diesem Traum in kürzester Zeit ein Albtraum.
Manfred Messmer meint
Die Einwanderung wird nicht von „den anderen“ gesteuert, sondern von den Unternehmen. Wir haben sie privatisiert.
Konkret: das Malergeschäft in Arlesheim, der Gärtner in Dornach, der Optiker in Basel steuern die Einwanderung. Also tausende von Schweizer KMUs.
R'bass meint
Es könnte auch sein, dass nicht länger die Unternehmen, sondern bereits Herr Claude und Frau Perplexity die Zuwanderung steuern. Gut möglich, dass schon bald -zig tausende miteidgenössische „Entnutzbargemachte“ heilfroh sind, die derzeit an Polen und Philippinas delegierten Jobs doch lieber selber zu besetzen.
P.K. meint
Ich kann U. Haller verstehen. Ich stimme der (lückenhaften und etwas naiven) Initiative zu, denn der ‚Tiefschlaf‘ in diesem Land lässt sich, wenn überhaupt, nur noch durch disruptive Eingriffe durchbrechen. Auch wenn selbst das ein Wunschtraum bleibt.