
Heftiger Regen, dichter Verkehr, kurze Strecke — trotzdem zäh. Bordeaux empfängt uns zur Mittagszeit, nass und ohne Umschweife.
Wir sind in Frankreich: Brasserie, Plat du jour, ein Glas Bordeaux. Ein ehrliches Angebot.
Danach die Rue Sainte-Catherine hinunter — angeblich die längste Fussgängerzone Frankreichs, 1,2 km. Fnac, Pull&Bear, Jules, H&M und zur Einstimmung die grossen Labels.
Der übliche Einheitsbrei, verpackt in Kalksteinfassaden aus dem 18. Jahrhundert. Die Hülle stimmt, den Inhalt bestimmt der Preis.
Bordeaux ist die Stadt, die scheinbar alles richtig gemacht hat.
Alain Juppé — früher Premierminister, danach Bürgermeister von 2004 bis 2019, zwischendurch wegen Vetternwirtschaft verurteilt, von Bordeaux trotzdem wiedergewählt; die Stadt mochte ihn mehr als die Justiz — hat hier etwas vollbracht, das Städteplaner weltweit zitieren: Autos raus, Strassenbahn rein, die Quais vom Autobahnzubringer zur Flaniermeile umgebaut.
UNESCO-Welterbe 2007. Eine der grössten urbanen Transformationen Westeuropas ohne Krieg.
Lehrbuchfall.
Allerdings zu einem Tribut, den inzwischen jede sanierte Innenstadt zahlt: Die Einheimischen können sich die Citylage nicht mehr leisten.
Die Kulisse bleibt, der Inhalt wechselt.
Was als Erneuerung begann, endet als Freilichtmuseum — genutzt, aber nicht mehr von denen, die früher da waren. Ein Touristenhotspot.
Nur ein paar Strassen weiter steht die Grosse Cloche — ein Glockenturm aus dem 15. Jahrhundert, das einzige erhaltene mittelalterliche Tor der Stadt.
Diese Glocke läutete einst die Weinlese ein: offizielles Signal, dass die Ernte beginnen darf.
In den umliegenden engen Strassen zeigt sich das andere Bordeaux: Autos, Velos, kleine Läden, abgeblätterte Fassaden.
Hier hat die Restaurierung noch nicht vollständig übernommen.
