
Die NZZ berichtet: Freitagmorgen, Helsinki, Drohnenalarm. Die Menschen werden aufgefordert, sich ins Haus zurückzuziehen. Der öffentliche Verkehr steht still,
Schulunterricht verschoben.
Es herrscht Krieg in Europa. Seit vier Jahren.
Und die Schweiz glaubt, sich mit Neutralität heraushalten zu können – so wie letztes Mal. Was, wie man im Nachhinein erfahren hat, nicht ganz so neutral gelungen war: Nazigold, Eisenbahntransporte.
Ein Freitagmorgen in Zürich ist nicht dieser Freitagmorgen in Helsinki. Noch nicht.
Doch die Bedrohung ist real: «Unbekannte Drohnen fliegen über Schweizer Waffenplätze», titelte kürzlich der Blick. Die Reaktion in der Bevölkerung: Achselzucken. Dabei müsste zumindest die Berner Politik aufschrecken.
Gegen Drohnenangriffe hat das Land bisher keinerlei wirksame Mittel. Die Flugabwehr liegt am Boden – auch weil man sich den Launen eines amerikanischen Präsidenten ausgesetzt sieht.
Da ist der «Stern von Laufenburg», eine Umspannanlage, die seit 1958 die Stromnetze von Deutschland, der Schweiz und Frankreich zusammenschaltet – höchst kritische Infrastruktur. Eine Drohne mit wenigen Kilogramm Sprengstoff genügt, um auf einen Schlag grosse Teile der europäischen Stromversorgung lahmzulegen.
Im November wurden Drohnen über der Anlage gesichtet. Politiker zeigten sich beunruhigt. Geschehen ist nichts.
Was das konkret bedeutet, hat letzte Woche ein NATO-Manöver auf der schwedischen Ostseeinsel Gotland gezeigt. Ukrainische Drohnenspezialisten übernahmen die Rolle des Angreifers – und vernichteten die schwedischen Einheiten wiederholt und vollständig. Die Übung musste dreimal unterbrochen werden. Schwedens Oberbefehlshaber General Klässon zog die Konsequenz: Alle NATO-Armeen müssen dringend von ukrainischen Erfahrungen lernen.
Der schnellste Weg sei die direkte Übernahme.
Für die Schweiz gibt es diesen Weg offiziell nicht. Die Neutralität, die ursprünglich Sicherheit garantieren sollte, produziert heute das genaue Gegenteil: Sie verhindert den Zugang zu sicherheitsrelevantem Wissen, isoliert die Armee von realen Kampferfahrungen – und macht die Schweiz, wie der Bundesrat selbst festgestellt hat, zum Sicherheitsrisiko für Europa.
Immerhin: Das Kriegsmaterialgesetz wurde kürzlich gelockert. Als sicherheitspolitisches Umdenken wurde das verkauft. In Wahrheit war es Industriepolitik – die Rüstungsexporteure drohten mit Auftragsverlusten, weil Abnehmerländer keine Schweizer Waffen kaufen wollen, die sie im Ernstfall nicht weitergeben dürfen.
Sicherheitspolitik als Standortpolitik.
Gemessen am BIP liegt die Schweiz mit 0,7 Prozent weit unter NATO-Niveau. Auf ein Prozent soll es steigen – bis 2032. «Wir haben unsere Verteidigung faktisch an Europa ausgelagert», schrieb der Tagesanzeiger. Es sieht nicht danach aus, dass sich daran auf absehbare Zeit etwas ändert.
Derweil diskutiert die Schweiz ernsthaft, ob sie von einigen zehntausend Europäern mehr oder weniger in ihrer Existenz bedroht sei.
Der Bundesrat weiss, dass die Schweiz ein Sicherheitsrisiko ist. Gotland zeigt, warum. Die Neutralitätsdoktrin erklärt, wie es dazu kam.
Die 10-Millionen-Initiative verspricht: mehr davon.