Die Grünen haben Philipp Schoch zu ihrem Kandidaten im Rennen um den Sitz des zurücktretenden Regierungsrats Isaac Reber gekürt.
Die Ausgangslage wirkt für die Grünen komfortabler, als sie auf den ersten Blick erscheint – allerdings nicht aus eigener Stärke.
Schoch profitiert vor allem von der Lähmung der SVP. Eine Partei, die Ende März erst entscheidet, ob sie überhaupt kandidiert, hat den Wahlkampf faktisch bereits zur Hälfte verschenkt.
Acht Wochen bis zum 14. Juni sind für einen Herausforderer im Majorzwahlrecht knapp – für einen wenig bekannten Kandidaten fast zu wenig. Erschwerend kommt hinzu, dass die Frühlingsferien einen erheblichen Teil dieser ohnehin knappen Kampagnenzeit absorbieren.
Vor diesem Hintergrund wird die SVP kaum umhin kommen, auf den Oberbaselbieter Landrat Matthias Lichti zu setzen – den einzigen Anwärter, der zumindest ein erkennbares kantonales Profil mitbringt.
Dabei widerspricht die aktuelle Zusammensetzung der Baselbieter Regierung der Konkordanzlogik: Die SVP ist im Kanton die wählerstärkste Partei und sitzt seit dem Rücktritt von Thomas Weber 2023 nicht mehr in der Regierung.
Das ist eine Folge der eigenen Fehleinschätzungen.
Mit Sandra Sollberger als Weber-Nachfolgerin setzte die SVP auf eine harte Parteilinie. Das Ergebnis: Breite Kreise von FDP und Mitte zogen es vor, einen EVP-Aussenseiter zu wählen, statt eine SVP-Vertreterin in die Regierung zu bringen.
Der nächste Versuch, mit der ebenfalls stark polarisierenden Caroline Mall der FDP ihren Sitz streitig zu machen, scheiterte an der Überschätzung der eigenen Stärke. Mall gelang es nicht einmal, die eigene Wählerschaft vollständig zu mobilisieren.
Dieses Muster begünstigt nun Schoch – ohne dass er dafür viel tun muss. Seine eigentliche Aufgabe ist nicht, die Linke zu mobilisieren – die steht hinter ihm.
Entscheidend ist, genügend bürgerliche Wähler zu überzeugen, dass ein pragmatischer Notfallfachmann weniger Risiko darstellt als ein SVP-Kandidat mit klarer Parteikante. Das Realo-Profil Schochs ist dafür fast ideal.
Ein weiterer Faktor, der bisher kaum beachtet wurde, ist das Geld.
FDP und Mitte müssen ihre Ressourcen für das Superwahljahr 2027 zusammenhalten – Nationalrats-, Ständerats- und kantonale Gesamterneuerungswahlen belasten jede Parteikasse gleichzeitig. Für diesen Zyklus werden Ressourcen reserviert: Geld, Personal, politisches Kapital.
Eine Ersatzwahl im Juni 2026 für einen SVP-Kandidaten ist aus dieser Perspektive ein schlechtes Investment. Man finanziert einen Wahlkampf, gewinnt im besten Fall einen Regierungssitz für die SVP – und erhält selbst nichts zurück: keinen eigenen Sitz, keine strategische Dividende.
Die wahrscheinlichste Folge: FDP und Mitte werden die SVP verbal unterstützen, sich aber praktisch zurückhalten. Offizielle Sympathie, minimale Beteiligung – die kostengünstigste Variante mit dem geringsten Risiko.
Für Schoch bedeutet das: Er muss keinen massiven Gegenangriff fürchten. Er tritt gegen eine SVP an, die spät startet, den Wahlkampf weitgehend allein finanzieren muss und nur auf halbherzige Solidarität aus dem bürgerlichen Lager zählen kann.
Damit reduziert sich das numerische Übergewicht der Bürgerlichen auf eine einfache Frage: Was kann die SVP mobilisieren?
Denn allein gewinnt sie diesen Sitz nicht.
Die SVP ist nicht das Opfer einer bürgerlichen Koalitionsverweigerung. Sie zahlt den Preis für eine Strategie, die im Proporz funktioniert – und im Majorz systematisch scheitert.
Gregor Stotz meint
Eine sehr schöne Analyse!