
Der britische Historiker Lawrence Freedman beschreibt in einem Meinungsbeitrag auf Substack („Trump runs out of Options“) Washington als institutionelle Geisterstadt:
All the structures that are vital to crisis management have either been attenuated or disbanded. There is hardly anyone left on the National Security Council staff. A friend described an empty State Department where you could hear your own foot steps.
Dasselbe im Pentagon: die militärische Organisation funktioniere noch, während die zivile wie ausgestorben sei.
Der Iran-Krieg, den Trump im März 2026 gemeinsam mit Israel unter dem Decknamen «Epic Fury» losgetreten hat, macht die Lücken erst sichtbar.
Im Weissen Haus sitzt ein Präsident, der in seiner Erfolgsnarrative gefangen ist — Amerika stark, Gegner beugen sich, Kritiker sind Feinde, Medien fake, NATO wertlos — und diese Erzählung auch dann aufrechterhält, wenn die Fakten sie widerlegen.
Es ist die Erzählung einer Weltmacht im Abstieg.
Damit reiht sie sich ein neben jene andere, die seit 2014 verzweifelt versucht, die Ukraine zu erobern.
Putin und Trump — beide gefangen in einem irrationalen Wettbewerb der Stärke, beide blind durch Verachtung des Gegners. Und Verachtung schliesst rationales Denken aus — im diplomatischen wie im militärischen Sinn.
Putin hat die Ukraine als „failed state“ ohne eigene Identität betrachtet — ein Kunstgebilde, das beim ersten ernsthaften Druck zerfallen würde.
Trump hat den Iran als rückständiges Mullah-Regime abgetan, auf das man nur einen kräftigen Schuss abfeuern muss, damit es einknickt.
Das ist die ganze Strategie.
Und beide in einer kaum zu übertreffenden Selbstüberschätzung ohne Verbündete — der eine, weil er sie durch den Krieg verliert, der andere, weil er sie absichtlich verstösst.
Was beide systematisch unterschätzen, ist Resilienz aus Identität.
Die Ukraine kämpft nicht für die NATO-Mitgliedschaft, sondern um ihre Existenz. Der Iran hat 1400 Jahre Staatlichkeit hinter sich und eine Kultur des Überlebens unter Fremdherrschaft.
Diese Art von Widerstandskraft lässt sich nicht wegbomben — sie wird durch Bombardement erst erzeugt.
Wenn Trump ankündigt, er würde sich am liebsten Irans Öl nehmen, mobilisiert er nicht nur die herrschende Schicht — er mobilisiert das kollektive Gedächtnis eines Volkes.
Der CIA-gestützte Sturz von Premierminister Mossadegh 1953 ist im Iran ein nationales Trauma, das jede Generation weiterträgt.
Wo sie sich unterscheiden: Putin hat ein Ziel und verfolgt es mit eiskalter Geduld. Trump hat kein Ziel, nur Inszenierung.
Der eine versumpft trotz Plan — der andere wird es mangels Plan tun.
Zwei Imperien im Abstieg, die den Gegner für dumm halten — und dabei nicht merken, dass genau diese Überzeugung sie blind macht.
Walter Basler meint
Oder vereinfacht formuliert: Hochmut kommt vor dem Fall.
Nur kann die Hochmut-Phase leider noch lange dauern.
Isaac Reber meint
in vielerlei hinsicht sehr zutreffender kommentar!
Franz Bloch-Bacci meint
Vielen Dank für die klaren Worte!
Paule meint
Ich staune immer mal wieder, über was alles Sie hier schreiben. Vieles hat erst noch Hand und Fuss.